Elke Heidenreich („Lesen!“) ist Festrednerin der Salzburger Festspiele 2008. Der „Presse“ erklärte sie, warum Kunst unsterblich und die Liebe heute überschätzt ist.
Die Presse: Frau Heidenreich, Sie sind eigentlich ein klassischer Milieuflüchtling: Ihr Vater war Automechaniker, hatte eine Tankstelle. Heute sind Sie Festrednerin der Salzburger Festspiele. Treten Sie manchmal von Ihrem Leben einen Schritt zurück und sagen: „Wow“?
Elke Heidenreich: Nein, nie. Ich konnte Abitur machen und wusste, ich werde nicht an der Tankstelle sitzen. Das ist für mich heute nichts Besonderes. Wohl aber, dass ich es geschafft habe, immer frei und unabhängig zu bleiben. Für meine Herkunft habe ich mich nie geniert. Mein Vater hat acht Stunden am Tag Autos repariert, ich lese eben acht Stunden am Tag, da gibt es keinen großen Unterschied.
Genau dafür sind Sie bekannt: Hochkultur populär zu machen. Bei Ihrer Festrede fürs vom Image her wohl elitärste Kulturfestival erwartet man von Ihnen jetzt natürlich, dass Sie auch hier einhaken. Wie werden Sie diese Erwartungen enttäuschen?
Heidenreich: Also ich bin nicht die Heilige Johanna, die ans Pult geht und gegen die Society schmettert. Vielmehr habe ich mir überlegt, ob sich Festspielbesucher heute genügend Gedanken machen, wie wichtig Kunst eigentlich ist: das Wichtigste in unserem Leben. Es sind Bilder, Literatur, Musik, die uns unsterblich machen. Es ist empörend, wie der Staat hier immer spart. Kunst muss man mit Demut und Leidenschaft gegenübertreten, man darf sie nicht nur als Event sehen. Aber dafür rede ich immer, nicht nur hier in Salzburg.
Das Motto der Salzburger Festspiele lautet heuer, angelehnt an das Hohelied Salomos, „Denn stark wie die Liebe ist der Tod“. Stimmen Sie dem zu?
Heidenreich: Ach Gott, ich finde das etwas pathetisch. Liebe ist ein starkes Gefühl, der Tod ist natürlich immer stärker und gewinnt. Aber stärker als Liebe und Tod ist die Kunst.
Wird die Liebe heute also überschätzt?
Heidenreich: Völlig, außerdem wird sie oft mit Sex verwechselt. Ich halte mehr von Freundschaft, wobei ich selbst einen Menschen habe, mit dem ich lebe und den ich liebe.
Gerade um über die Liebe zu reden, wurde mit Ihnen – eine der wenigen Male in der Festspielgeschichte – eine Frau als Rednerin eingeladen. Ist das ein Zufall?
Heidenreich: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht – und ich müsste auch gar nicht zum Motto reden. Aber ich habe nachgesehen: Nach Jeanne Hersch und Barbara Frischmuth bin ich die dritte Rednerin. Es könnte also sein, dass es mit dem Thema zusammenhängt. Aber ich glaube, ich bin eher hier, weil Jürgen Flimm mich seit vielen Jahren kennt und schätzt.
Bei Liebe, Tod und Leidenschaft könnte man schließlich auch an die weltpolitische Lage denken, an fatalistische Gottesliebe etwa, die Selbstmordattentäter in den Tod führt.
Heidenreich: An Gott denke ich dabei nicht, auch nicht an Fatalismus. Das Leben fängt einfach irgendwann an und hört irgendwann auf. Und danach kommt auch meiner Meinung nach nichts mehr. Ich bin kein gläubiger Mensch.
Welcher ist Ihrer Meinung nach der größte Liebesroman der Geschichte?
Heidenreich: Solche Auskünfte gebe ich nie, das ist für jeden anders. Die meisten würden wahrscheinlich sagen „Anna Karenina“ oder „Madame Bovary“.
Und welcher ist es für Sie persönlich?
Heidenreich: Für mich wäre es eher eine Geschichte wie „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers, in der sich ein junges Mädchen langsam entwickelt, langsam anfängt zu lieben und merkt, wie enttäuscht sie wird, wie alle ihre Träume nicht in Erfüllung gehen. Die unglücklichen Liebesgeschichten sind ja viel interessanter als die glücklichen. Liebe und Tod, das sind die Themen aller großen Opern, es sind einfach die Themen, die uns umtreiben.
Sie sind begeisterte Operngeherin, haben in Köln ein Kinderopernhaus unterstützt, sogar Libretti dafür geschrieben. Warum ist es schwieriger, Oper populär zu vermitteln als Literatur?
Heidenreich: Die Hemmschwelle ist höher, die meisten glauben, da muss man immer noch ins Brokatkleid steigen, man versteht nichts, und teuer ist es auch noch. Wir haben in Köln seit zwölf Jahren 20 Opern für Kinder erarbeitet, hatten zu Beginn 200 Schülerabos, jetzt haben wir 2000. Und wir haben über die Kinder auch viele Eltern zur Oper gebracht. Aber Oper ist nicht unbedingt schwieriger zu vermitteln als Literatur. Die Leute wollen nur immer das Schnelle, Leichte. Es ist nicht einfach, sie zu etwas anderem zu bringen, aber ich versuche es, sage ihnen, das macht euch glücklich, lest das. Deshalb ist meine TV-Sendung auch keine Literaturkritik, was mir immer wieder vorgeworfen wird. Das mache ich woanders, wenn ich will. Aber nicht in der Sendung, da rede ich mit Leidenschaft über Bücher.
Sagen wir, Ihre Sendung hieße nicht „Lesen!“, sondern „Sehen!“. Welches dieser Theaterstücke der Salzburger Festspiele würden Sie empfehlen: „Die Räuber“, „Romeo und Julia“, „Verbrechen und Strafe“ oder „Jedermann“?
Heidenreich: Ich liebe „Die Räuber“, ein tolles Stück, ich bin überhaupt ein großer Fan von Schiller. „Verbrechen und Strafe“ gefällt mir auch, weil ich ein Breth-Fan bin und die Übersetzung von Svetlana Geier gut finde: Was früher schwammig war, hat sie wirklich entschlackt, das ist jetzt viel klarer. „Romeo und Julia“ interessiert mich nicht so.
Und der „Jedermann“?
Heidenreich: Ja, der „Jedermann“, der gehört eben zu Salzburg.
ZUR PERSON
■Elke Heidenreich (*1945 als Elke Helene Rieder in Korbach) wuchs in Essen auf. In den 1970ern wurde sie als Kabarettistinbekannt und erfolgreich, es folgten Jobs als Moderatorin und „Brigitte“-Kolumnistin. Ihre Büchersendung „Lesen!“ – seit 2003 der Nachfolger zum „Literarischen Quartett“ – erreicht im ZDF eine Million Zuseher. Sie gilt als mächtigste Person im Literaturbetrieb.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2008)