Bernhard Kohl wird als die Entdeckung im Radsport gefeiert, für seinen Trainer Werner Zanier ist der Höhenflug Folge harter Arbeit und jahrelanger Entbehrungen.
LIENZ. Hätte Bernhard Kohl im Alter von zwölf Jahren nicht den Wunsch verspürt, Radprofi werden zu wollen, wer weiß, welchen Karriereweg der heute 26 Jahre alte Wolkersdorfer eingeschlagen hätte. Dass seine Entscheidung von unzähligen Stunden auf Fahrrädern und eisernen Entbehrungen begleitet sein sollte, war Kohl zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Doch Bernhard Kohl ging seinen (Rad-)Weg, und zwar unaufhaltsam. So wurde aus dem Österreicher die Entdeckung der Tour de France, er gewann heuer das Bergtrikot und wird von Angeboten überhäuft. Rennställe bieten dem Bergspezialisten Gagen bis zu 700.000 Euro, Sponsoren wollen den Betrag verdoppeln. Davon will der Österreicher noch nichts wissen, am Samstag wartet ja das entscheidende 53-km-Zeitfahren. Favorit auf den Gewinn der 95. Tour de France ist der Vorjahrs-Zweite Cadel Evans (Aus). Kohl nimmt die Prüfung gegen die Uhr als Gesamt-Dritter in Angriff, ist aber Realist: „Gegen die Zeitfahr-Spezialisten wird es sehr schwer.“
34.000 Kilometer pro Jahr
„Es ist ein Hochgefühl, wenn man seine Ziele erreicht. Es ist einfach nur schön zu sehen, wie er sich in der Weltspitze schlägt“, sagt der 43-jährige Osttiroler Werner Zanier, der Kohl seit sieben Jahren trainiert. Aus dem Nichts sei der „Held“ nicht geboren worden, fügt Zanier hinzu. Radfahren sei Lebensdisziplin, Einstellung und Folge der Ernährung sowie des täglichen Abspulens ausgearbeiteter Programme. Alles aber unter der Prämisse, dass es der Athlet auch wirklich will. Zanier: „Wie sonst könnte er pro Jahr 17.000 Renn-Kilometer und die gleiche Distanz noch einmal im Training bestreiten?“ Es gibt Familien, die weniger Kilometer mit ihrem Auto pro Jahr zurücklegen...
Mit Trainings-Alternativen wie Skitouren oder Gymnastik versucht Zanier, seinem Schützling vor Augen zu führen, was Freiheit bedeuten kann. Wobei sich diese Freiheit insofern äußert, dass Kohl beliebig Tempo und Frequenz wechseln könne. Bei Bergetappen, die bis auf 2800 Meter Seehöhe führen, bedarf es auch einer gewissen Belastungsfähigkeit, „sonst haut es dich ja vom Radl“, wirft Zanier ein und erzählt von sieben Watt pro Kilogramm, die Kohl bei Anstiegen in die Pedale trete. Kohl wiegt 60 Kilogramm, folglich setzt er unglaubliche 420 Watt frei.
Kohl hat die Zusammenarbeit mit Zanier einem ehemaligen Team-Kollegen zu verdanken. 2001 kam „Bernhard Gugganig mit Kohl an der Hand“ nach Lienz und stellte ihn als „Mann der Zukunft“ vor. Seitdem gelten beide als unzertrennlich, Kohl habe sogar sein eigenes Zimmer im Hause Zanier. Obgleich der Betreuer sagt, dass „er spürt, was Bernhard fühlt“, legt er Wert auf die Individualität seines Schützlings. „Ein Sportler muss seine eigene Intelligenz entwickeln“, also wissen, wann und wie er Arbeit und Training zu absolvieren habe. Schließlich müsse er im Rennen auch selbst entscheiden, wann er Belastungen setze oder Attacken starte. Denn es bringe nichts, auf der Strecke zu warten, bis der Fahrer kommt und hunderte Meter nebenher laufend Anweisungen zu geben. Ein Radfahrer muss „fighten“ wollen.
Eines Tages sicher in Gelb
Dass Kohls Marktwert nun „explodiert“ ist, bemerkte Zanier am Papierstapel, der ihm nach der Rückkehr aus Frankreich auf seinem Schreibtisch entgegen fiel. Darunter waren auch Sponsoring-Anfragen von Weltkonzernen, die bis dato mit Radsport nichts am Hut hatten, sagt Zanier, der Inhaber eines Versandhandels für Fitnessgeräte in Lienz ist. „Die Begeisterung ist da, jeder will mit dem sympathischen Kerl arbeiten, der sich das Bergtrikot geholt hat!“
Eines Tages, da ist sich der Experte sicher, wird Kohl ganz oben stehen. „Er wird das Gelbe Trikot tragen! Heuer fehlten sieben Sekunden, die machbar gewesen wären aber das Gesamtresultat gefährdet hätten. Bernhard Kohls große Zeit kommt noch.“
DIE LETZTE ETAPPE
■Der Franzose Sylvain Chavanel
gewann die 19. Etappe (Roanne - Montlucon; 165,5 km). In der Gesamtwertung führt weiterhin Carlos Sastre (Sp). Die Tour-Entscheidung fällt im 53-km-Zeitfahren am Samstag.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2008)