Das Musikprogramm der Festspiele startete heuer ohne Opernpremiere – und vorwiegend mit Werken des 20. Jahrhunderts.
Manchmal staunt man über die Formulierungs-Eskapaden, die anlässlich von Festspieleröffnungen angesichts hoch gegriffener Themen zustandekommen. Glaube, Hoffnung und Liebe standen als Dreieinigkeit jahrhundertelang unangefochten auf den Siegerpodesten unserer Seelenwelten. Und jetzt nimmt man uns festspielhalber jeden Hoffnungsschimmer. Der Tod ist ja doch stärker.
Ist ja auch wahr. Sterben müssen wir alle. Dass eine Legion von Kunstschaffenden – genialer oder auch weniger genial, aber jedenfalls ehrlich bemühter Couleur – gegen diese rationale Erkenntnis anzuschreiben, anzudichten, anzumusizieren gewagt hat, als wäre die Kunst ja doch der Versuch, den Tod wenigstens auf Zeit zu überlisten, muss uns ja bei Festspielen nicht interessieren?
Oder doch?
Sympathischerweise begann das Musikprogramm heuer nicht mit einer fashionablen Opernpremiere, sondern mit zwei Konzerten, die viel von der klugen programmatischen Linie des Musikchefs Markus Hinterhäuser verrieten. Gleich am Eröffnungsabend im Mozarteum gaben vier Teilnehmer des „Young Singers Project“ den (solistisch besetzten) Chor in einer kammermusikalischen Darbietung von Schuberts G-Dur-Messe. Der Mentor der von der exzellenten Sopranistin Angela Kerrison angeführten jungen Riege, Michael Schade, war im Verein mit Russell Braun und der engelsstimmigen Genia Kühmeier im Solisten-Terzett, das Auryn Quartett begleitete (wenn auch zuweilen etwas ungelenk). Während der stimmungsvollen Wiedergabe, spätestens beim Benedictus, dachte sich vielleicht mancher im Saal, dass die Sache mit dem Tod, der stärker ist als die Liebe, vielleicht doch nicht so streng zu nehmen wäre...
Zumal hernach noch die schwebenden Transzendenz-Erfahrungen von Messiaens „Quartett auf das Ende der Zeit“ zu hören waren, vor allem dort, wo der phänomenale Klarinettist Jörg Widmann Töne aus dem Jenseits hervorzuzaubern schien – es gibt sie ja doch, die künstlerische Grenzgängerei.
Technisch ward sie am folgenden Vormittag im Großen Festspielhaus Ereignis, als die Philharmoniker, unter Pierre Boulez selten konzentriert und mit Hingabe die heikelsten Rhythmen in Béla Bartóks höllisch schwierigem Ersten Klavierkonzert dem ungemein lebendigen, agilen, kraftvoll witzigen Spiel Daniel Barenboims anpassten.
Ein ausschließlich aus Stücken des 20.Jahrhunderts bestehendes Programm hatte man gewählt, ein Anti-Philharmonisches sozusagen, doch legten die Streicher, samtweich und mit zerbrechlichem Schmelz über manche der „Valses nobles et sentimentales“ von Ravel einen höchst wienerischen Erinnerungs-Schleier. Der „Feuervogel“, nicht ganz so konzentriert, aber mit höchsten Klangsinn dargebracht, bewies zuletzt, was Strawinsky meinte, wenn er sagte, die ideale Art Musik zu machen sei doch die des Mesners: Er zieht an einem Strick und irgendwo, weit weg, seinem Zugriff entzogen, erklingen die Töne.
Pierre Boulez als Mesner
Pierre Boulez ist am Abend – nicht bei der Probenarbeit – ein solcher Mesner: Er schlägt den Takt; und die Philharmoniker entfesseln so viel Raffinement, wie sie nur können. Das ist viel, wie man weiß – klingt hie und da auch so, als ob doch nicht alles so einfach zu erklären wäre, selbst für den, der seine fünf Sinne ganz beieinander hat...
Das Kammerkonzert aus dem Zyklus „Schubert-Szene“ wird am 20. August um 19.30 Uhr in Ö1 gesendet, das Philhamonische schon am 29. Juli (21 Uhr) in 3sat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2008)