Das falsche Spiel mit der Globalisierung

Die einen fordern Protektionismus, die anderen niedrige Löhne – doch Europas Erfolgsrezept liegt wo anders.

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Europa fürchtet sich vor der Globalisierung, vor Asien, vor Wohlstandseinbrüchen, Preissteigerungen und letztlich sogar vor sich selbst. Diese Emotionalisierung scheint fatal, da die Welt in Bewegung geraten ist und die Spielregeln des Weltmarkts eben neu geschrieben werden. Statt ein Bild von Aktivität macht Europa den Eindruck der ängstlichen Erstarrung.

Doch zum Glück spiegelt diese Momentaufnahme nur eine verzerrte Stimmungslage wider. Sie wird von einer seichten politischen Debatte ohne Visionen geprägt. In der Realität steht Europa weit besser da, als das öffentlich wirksame Geschäft mit der Angst vermuten lässt. Eine neue Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Fritz Breuss zeigt, dass unser Kontinent noch für lange Marktführer einer globalisierten Welt bleiben wird. Während die USA Anteile am Weltmarkt verlieren und von China überholt werden, kann Europa bis 2050 sogar noch zulegen. Der Grund dafür liegt im ständig wachsenden europäischen Binnenmarkt, der eine sichere Basis für den globalen Aufbruch schafft. Hier werden drei Viertel aller unserer Waren gehandelt. Hier gibt es genügend Länder mit gesundem Wachstum.

Natürlich muss Europa seine Wirtschaftsstruktur anpassen, um dem globalen Wettbewerbsdruck auch noch länger standzuhalten. Es ist unsinnig geworden, in Ländern wie Deutschland Billig-T-Shirts herzustellen oder Sportschuhe. Es wird aber künftig immer sinnvoller, innovative Produkte zu entwickeln, Qualitätswaren herzustellen und auf jene Exportgüter zu setzen, die in Wachstumsregionen benötigt werden – wie Maschinenelemente, Umwelt- und Energietechnik oder hochwertige Dienstleistungen. Wie es sich gezeigt hat, ist es auch sinnvoll, Agrarprodukte mit Spitzenqualität statt reine Massenware zu erzeugen – sowohl für den eigenen als auch für den Weltmarkt.

Mit der Globalisierung wird in Europa ein falsches Spiel getrieben. Sie wird – ganz bewusst – als düstere Gefahr an die Wand gemalt. Den einen dient sie dazu, einen unverantwortlichen Protektionismus zu rechtfertigen. Sie wird zur Begründung für Schutzmaßnahmen zu Gunsten längst veralterter Produktionsstätten und personalintensiver Branchen ohne Zukunft. Den anderen dient sie als Druckmittel für Mitarbeiter, die immer mehr Leistung zu immer weniger Lohn samt prekären Arbeitsverträgen erbringen sollen. So als ob Europa nur bestehen kann, wenn es seine Sozialstandards auf das Niveau Indiens senkt. Beide Argumente sind weniger visionär als doch eigentlich primitiv. Denn sie negieren die blanke Wahrheit, dass sich die Welt verändert und letztlich darin nur jener überleben kann, der in diesem Labyrinth von Märkten, Finanztransaktionen, Währungsspekulationen und Produktionsverlagerungen seinen eigenen, selbstbewussten Weg findet. Anpassung nach unten ist da die falsche Strategie.

Alle Wirtschaftsdaten weisen darauf hin, dass Europa bisher weit mehr richtig als falsch gemacht hat. Sie zeigen, dass es absurd es ist, in Ländern wie Österreich über mehr nationalen Protektionismus oder über Lohnsenkungen nachzudenken. Denn das Exportwachstum erlebt gerade einen neuen Höhenflug. 2007 konnte Österreich seine Exporte um nicht weniger als zehn Prozent steigern. Wären unsere Produkte nicht konkurrenzfähig, wie hätten wir so viele verkaufen können?

Europa hat durch seinen hohen Wohlstand keinen Wettbewerbsnachteil. Es hat sogar einen Vorteil, weil dieser Wohlstand eine innere Stabilität garantiert, die Mitbewerber nicht – oder noch nicht – aufweisen. Erst die Kombination aus einem sicheren Heimmarkt mit gesundem Konsumverhalten und globalen Wirtschaftsaktivitäten garantiert den Erfolg.

Das derzeitige Match zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern um die Konsequenzen der Globalisierung ist ein unnötiger Schaukampf, weil die Probleme ganz wo anders liegen. Sie liegen weder beim mangelnden Schutz der Märkte noch bei zu hohen Löhnen und anständigen Arbeitsverträgen. Europa hat eine hohe Produktivität, die kaum noch zu steigern ist. Es hat eine aus demografischen Gründen schrumpfende Arbeitnehmerschaft, mit der kein Wachstum zu erzielen ist.

Den einzigen Motor, den Europa noch hat, ist seine Fähigkeit zu Innovation. Deshalb ist es auch so falsch, staatliche Gelder etwa für Branchen-Schutz oder Exportstützungen aufzuwenden. Alles verfügbare Geld muss dorthin fließen, wo unsere einzige Zukunftschance liegt: in der Bildung und Forschung.

Studie zum Weltmarkt Seite 1

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2008)

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