Globalisierungs-Prognose: Darum wird Europa gewinnen

(c)AP (Vadim Ghirda)
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Bis 2050 wird die EU ihre Position am Weltmarkt noch weiter verbessern können. Nordamerika wird laut einer neuen Studie im selben Zeitraum sogar hinter China zurückfallen.

Wien. Ängste vor einer Rezession und vor der Abwanderung wichtiger Industriezweige dominieren zwar das aktuelle Bild Europas. Mittelfristig sind die Aussichten der Europäischen Union und ihrer Partnerländer aber weit rosiger als jene der USA. Das ist das Ergebnis einer Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Fritz Breuss, die der „Presse“ vorliegt. Laut dieser Analyse wird Europa seinen gegenwärtigen Weltmarktanteil nicht verlieren, sondern von derzeit 42,1 Prozent bis 2050 auf rund 43 Prozent steigern können. Die von Wirtschaftsvertretern kritisierten hohen Sozialstandards und die zögerlich steigenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung dürften den weiteren Erfolg nicht so stark behindern, dass die Produktion insgesamt sinkt.

Österreich profitiert von dieser guten Weltmarktposition schon in großem Maße. Im vergangenen Jahr stiegen die Exporte um rekordverdächtige zehn Prozent. Für 2008 wird laut Wirtschaftskammer mit einer weiteren Steigerung um sechs bis acht Prozent gerechnet.

Hauptgrund für den anhaltenden europäischen Erfolg ist, dass die EU-Mitgliedstaaten durch einen stetig wachsenden Binnenmarkt wirtschaftlich abgesichert sind. Derzeit liegt der Anteil des Intra-EU-Handel (samt assoziierten Staaten, Efta und der Türkei) bei rund drei Viertel des gesamten Handels. Allerdings ist die EU auch beim externen Handel Spitzenreiter und wird das auch bleiben. Ihr Weltmarktanteil lag 2006 bei 16,4 Prozent. Die USA und China kamen nur auf je 10,7 Prozent.

Breuss geht davon aus, dass die EU-Erweiterung fortgesetzt und sich der Binnenmarkt damit weiter vergrößern wird. So könnte die Europäische Union bis 2050 auf 40 Mitgliedstaaten wachsen und ihren internen Handel dementsprechend ausweiten. Der Binnenmarkt ist nicht nur die sichere Basis, sondern auch der Antrieb des weiteren Erfolgs. Die USA haben keinen derartigen Wirtschaftsmotor und verlieren laut Breuss gleichzeitig auch globale Anteile. Nordamerikas Kuchenstück (USA und Kanada) des Weltmarkts wird sich bis 2050 von gegenwärtig 14,2 Prozent auf 12,8 Prozent verkleinern.

China boomt weiter

China wird hingegen bis 2050 weiter boomen. Und zwar in allen Produktionssegmenten – Low bis Hightech. Asiatische Waren werden den Markt zunehmend dominieren. „Dieser Schwemme zu begegnen, wird die größte Herausforderung für die traditionellen Industriestaaten in Europa und Amerika“, so Breuss.

Allerdings wird China bis 2050 laut der Breuss-Prognose dennoch bei weitem nicht das Potenzial der EU erreichen. Der Anteil der Volksrepublik am Welthandel wird von 8,2 auf 12,5 Prozent steigen. Damit kann China allerdings auch ganz Nordamerika bald hinter sich lassen. Gleichzeitig mit der Fortsetzung des Booms wird in China auch der Wohlstand der Menschen steigen. Schon jetzt zählt der asiatische Riese zu jenen Ländern mit den größten Wohlstandszuwächsen.

Breuss weist zwar darauf hin, dass Europa nach wie vor beste Chancen auf dem Weltmarkt vorfindet, dass aber der Druck auf die Löhne durch die Globalisierung bestehen bleibt. Auch dürfte die Einkommensschere weiter auseinander gehen. „Tatsache ist, dass im Zuge der Globalisierung in den letzten Jahrzehnten die Einkommensverteilung in den Industriestaaten eher ungleicher geworden ist“, schreibt er.

Die erfolgreiche Globalisierungspolitik der Europäischen Union ruht laut Breuss auf zwei Pfeilern: zum einen auf der Ausweitung des Binnenmarkts, zum anderen auf der Abfederung sozialer Härten. In der Sozialpolitik sollte jedes Mitgliedsland aber vorerst dennoch seinen eigenen Weg gehen. Obwohl dies im anlaufenden Wahlkampf von der SPÖ gefordert wird, kann Breuss derzeit keine einheitliche europäische Sozialpolitik empfehlen. Er sieht die unterschiedlichen Sozialstandards auch als „komparativen Vorteil“ der ärmeren EU-Mitgliedstaaten.

Sozialunion erst später

Zu einem späteren Zeitpunkt könnte sich das freilich ändern: „Mittelfristig ist im Zuge der Angleichung der Einkommensniveaus in der EU auch mit einer Annäherung an das Ideal eines Europäischen Sozialmodells zu rechnen“, so der Wissenschaftler.

Die Studie „Die Zukunft Europas“ ist im Rahmen einer Broschüre mit dem Titel „Das österreichische Außenwirtschaftsleitbild“ vom Bundeswirtschaftsministerium veröffentlicht worden.

Eurostat, UNO, WTO International Statistics 2006

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2008)

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