"Das Hirschhaus": Totentanz aus Brüssel

(c) AP (Franz Neumayr)
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Die Needcompany in Hallein: „Das Hirschhaus“ – ein gelungenes Finale der Trilogie „Sad Face/Happy Face“.

"Pass auf, die Welt ist nicht hinter dir!“, lautet ein Schlüsselsatz in der allertraurigsten Geschichte „Das Hirschhaus“, die am Montag auf der Pernerinsel in Hallein ihre Uraufführung hatte. Geschichte ist eine zu magere Bezeichnung für diese Salzburger Auftragsarbeit an den Belgier Jan Lauwers und seine Needcompany, die seit 1986 Schauspiel, Gesang, Tanz und bildende Kunst zu Gesamtkunstwerken fügen. Sie ist würdiger Abschluss einer Trilogie der Trauerarbeit (siehe Kasten).

Die Salzburger Festspiele sind heuer auf die arme Psyche fixiert, die schwächer ist als Liebe oder Tod. Auf die gewaltige Einzeltherapie von Breths „Verbrechen und Strafe“ folgt die herzergreifende Gruppentherapie aus Brüssel. Auch sie gelingt mit Bravour.

„Die Welt ist nicht hinter dir“

Zum Glück! Denn fast hätte sich die Welt tatsächlich gegen die Needcompany verschworen. Vor der (gar nicht ausverkauften) Uraufführung verletzte sich die Schauspielerin Anneke Bonnema so schwer, dass sie während der zweistündigen Vorstellung nur auf einem Podest liegend auf der Bühne sein konnte. Das tat dem Abend keinen Abbruch, ihr Singen wurde noch rührender. Der schlichte Gesang bricht dir das Herz.

Es gehe in der Trilogie um das Wesen des Menschen, heißt es pathetisch im Untertitel. Dieses besteht im „Hirschhaus“ vorwiegend aus Verlassenheit, aus Flucht. „The world is not behind you“, wird einem Songtext von „Velvet Underground“ widersprochen. Zur Gruppe zu gehören ist nicht leicht. Ständig läuft man Gefahr, ausgeschlossen zu werden. Beim abschließenden Totenmahl zum Beispiel werden manche rüde vom Sessel gestoßen. Sind sie bereits tot?

Die Handlung: Die Tänzerin einer internationalen Theatertruppe, die in 146 Tagen 16 Länder bereist hat, erfährt, dass ihr Bruder, ein Kriegsfotograf, auf dem Balkan getötet wurde. (Der Bruder der realen Tänzerin Tijen Lawton ist tatsächlich dort gestorben.) Die Truppe spielt nun anhand eines fiktiven Tagebuchs des Fotografen diesen bizarren Tod nach, versucht, ihn rückgängig zu machen. Doch die Geschichte ist unerbittlich, endgültig. Körper von Hirschen fallen von der Decke, eine gelbe Tasche knallt wiederholt auf den Boden. Dann folgt Mord auf Mord, ein Kind stirbt, der Abend endet als eine antike Tragödie, mit einem seltsamen Weihnachtsessen und elegischen Klageliedern. Wie Opfergaben werden Hirsch-Attrappen aus Kunststoff aufeinandergetürmt; der verrückten Grace, Tochter im Hirschhaus, gelingt die Befreiung der Tiere.

Diese Szene, gespielt von Grace Ellen Barkey und Viviane De Muyncks (als ihre Mutter), zählt zu den unvergesslichen Passagen an diesem Abend, einem „Tribut an die Überlebenden und die Toten, die, ohne einander, von keinerlei Bedeutung sind“, wie es der Chor am Schluss ausspricht.

„Das Hirschhaus“ ist ein außergewöhnliches Stück für elf ausgeprägte Charaktere. Hans Petter Dahl stimmt den Trauergesang mit dem heiligen Ernst eines Druiden an. Die eleganten Tänzer wirken in ihrer Exotik doch vollkommen vertraut, die Opfer rühren an als verletzliche Wesen. Maarten Seghers hingegen als zufälliger Mörder und Julien Faure als zufälliges Opfer präsentieren diesen absurden Tod wie einen Slapstick, der zum Ernst wird.

Definitiv kein Slapstick ist der Tod eines Kindes im Finale, das in einer gelben Tasche über die Bühne geschleift wird. Diese Szenen wirken aufgesetzt. Die Sinnlosigkeit wird dann auch allzu didaktisch präsentiert. Der Abend bekommt dadurch zu viel Länge. Das ist aber die einzige Schwäche bei diesem beklemmenden, die Seele reinigenden Totentanz, dessen urtümliche Bilder und heilsame Dialoge noch lange nachwirken.

THEATER AUS BRÜSSEL

The Needcompany und ihr Direktor Jan Lauwers haben die Trilogie „Sad Face/Happy Face“ seit 2004 geschaffen. „Das Hirschhaus“ ist der Schlussteil. Termin: 30.8., 20h. Die Trilogie wird in Hallein am 1., 3. und 5.8. im Gesamten aufgeführt, jeweils um 16 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2008)

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