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Produkt-Piraterie: Falsche Musik und falsche Unterhosen

(c) EPA (Romeo Gacad)
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Zoll und Marktaufsicht kämpfen im Hafen von Rotterdam gegen schlechte Ware für Europa.

ROTTERDAM. Rob Dedel hält das erste Gucci-Handy weltweit in der Hand. Gold glänzt es an der Vorderseite, der Rahmen ist mit Edelsteinen besetzt. Sogar der Knopf zum Ein- und Ausschalten glitzert. Dedel hält nicht nur das erste, sondern vermutlich auch das einzige Gucci-Handy in Händen. Es gibt nämlich gar keine Gucci-Handys: Das vorliegende ist eine Fälschung. Auf den zweiten Blick erscheinen die Tasten billig, und die Farbe ist schlampig aufgetragen. Dabei waren die Fälscher in China übereifrig: Als Armani ein Edel-Handy auf den Markt brachte, wollten sie bei den Gucci-Imitaten die Schnellsten sein. Allein – der Markenkonzern machte es Armani gar nicht nach, er bietet keine Handys an.

So landete die Fälschung bei Dedel. Er ist Koordinator von sechs niederländischen Zollbeamten im Hafen von Rotterdam. Das Handy verwahrt er in einem Lager im Zollamtsgebäude am Hafen: „Best of Fake“, das bekommen die eigenen und ausländische Experten dort zu sehen. Man will einander schließlich über die neuesten Trends auf dem Laufenden halten, um den Schub an falscher Ware am besten schon dort aufzuhalten, wo er entsteht.

Worauf muss man achten, um eine Fälschung zu erkennen? Die Fahnder von Rotterdam wissen zum Beispiel: Louis Vuitton würde seine Marke – die Buchstaben „LV“ – nie durch Reißverschlüsse „trennen“. Von der gefälschten CD über Plastik-Waffen, die echt wirken, bis zur „Calvin Klein“-Unterwäsche kommen Fälschungen aus Asien und dem Rest der Welt nach Rotterdam. Meistens jedenfalls, wenn das Ziel ein Importeur oder Händler in Europa ist. Denn Rotterdam ist der größte Hafen Europas und der drittgrößte der Welt. Hunderte Millionen Produkte landen hier pro Jahr, 350 Millionen Tonnen wiegen sie insgesamt in den Containern, von denen die größten Schiffe fast 15.000 fassen. Drei bis vier Millionen Produkte prüft der Zoll, wenn er durch auffällige Angaben in den Import-Dokumenten hellhörig geworden ist. Bis zu 60 oder 70 Prozent davon seien falsche Ware.

Am Ende nur zwei statt 50 Euro für einen „Marken“-Slip zu zahlen, ist für viele Importeure und Abnehmer ein gutes Argument, den Betrug zu versuchen. In die Bilanzen ehrlicher Hersteller in Europa reißt das aber ein Loch – wie tief, weiß keiner genau. Von einigen Millionen Euro pro Jahr ist bei der EU-Kommission in Brüssel die Rede. Die europäische Produktion leidet unter der Fake-Ware, die zu 95 Prozent aus China stammt, gefolgt von Produkten aus Thailand und der Türkei. Brüssel stemmt sich dagegen vor allem mit dem Aufruf an China, „mehr Kooperation“ mit der EU zu beweisen. Das mahnt die Verbraucherschutz-Kommissarin Meglena Kuneva ein. Gelöst ist das Problem damit aber nicht.

Zu den Echtheits- kommen Sicherheitsbedenken: Am Hafen geben einander die Zollbeamten und die Experten des niederländischen Amts für Verbraucherschutz und Ernährung, der „Voedsel en Waren Autoriteit“ (VWA), die Klinke in die Hand. Verfahren werden gestartet, an deren Ende hohe Strafen für Importe und Hersteller in aller Welt stehen können. Die Ware wird vernichtet, oder sie geht zurück an den Absender.


Kampf gegen tödliche Ware

Für die VWA steht im Mittelpunkt, dass Produkte keinen Schaden anrichten: dass zum Beispiel Kinder keine Kleinteile von Spielzeug verschlucken können, die Knopf-Augen des süßen Teddies etwa, die zu leicht abgegangen sind. Denn es besteht Erstickungsgefahr. Auch Erwachsene sind bei vielen Produkten in Gefahr, weiß man am VWA-Sitz in Zwijndrecht wenige Kilometer vom Hafen entfernt. Dort haben Direktor Dirk Meijer und seine 200 Mitarbeiter zum Beispiel dafür gesorgt, dass dieses Jahr an keinem Christbaum in der EU eine Leuchtkette aus dem „140 lights Set“, made in China, hängen wird. Sie haben 15.000 aus dem Verkehr gezogen, weil sie feststellten: Es drohen Elektroschocks.

Schwierigkeiten bleiben: Ist ein Produkt für den Import in ein anderes EU-Land als die Niederlande angemeldet, prüft oft nicht die VWA. Anderswo seien die Behörden zum Teil genauso sorgfältig, zum Teil habe man aber lockerere Maßstäbe. So würden sich für manche Hersteller und Händler „Schlupflöcher“ ergeben, befürchtet Meijer. Ein Ausweg wäre, könnten sich die EU-Länder bald auf gemeinsame Kontroll-Modelle einigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2008)