Daniel Barenboim und Lang Lang faszinierten mit Ravel, Liszt und Bartók im Großen Festspielhaus.
Ein sportives Ereignis würde das werden, zweifellos. Als der bedeutende Musiker Daniel Barenboim und der derzeit weltweit wirkungsvoll vermarktete Pianist Lang Lang im großen Festspielhaus Liszts „Réminiscences de Don Juan“ aus den Steinways meißelten, war die Festspielwelt in Ordnung. Virtuos sind ja beide zur Genüge. Die Liszt-Paraphrase in der Soloversion haben beide im Repertoire. Lang Lang ist damit um die Welt gefahren und hat derselben bewiesen, dass es keinen gibt, der so viele richtige Noten in so kurzer Zeit absolvieren kann wie er. Vielleicht nicht einmal Daniel Barenboim!
Hier gönnten sich die beiden Bravourkünstler auch manches luftige Rubato, um artige Koloraturgirlanden recht anmutig und mit charmanter Zeitverzögerung zu winden. Dem natürlichen Fluss der Mozartschen Musik, der selbst in Liszts virtuoser Verbrämung aufrechtzuerhalten wäre, ist das nicht zuträglich. Doch fördert es den Hörgenuss für Bewunderer ungenierter Tastentigerei. Das muss man ja wirklich alles erst einmal können, was die beiden Herren da zusätzlich zur bloßen Bewältigung der höllischen Schwierigkeiten der Partitur zur Schau zu stellen haben.
Lassen wir Liszt also sein halbseidenes Image, das ihm andichtet, er hätte sich gern auf Kosten anderer, diesfalls auf Mozarts Rechnung, produziert. Was feinsinnige, vielfarbige Pianissimo-Kultur auf schwarzen und weißen Tasten sein kann, hatten Barenboim und Lang Lang zuvor ja schon an den pastelligen Märchenbildern demonstriert, die Maurice Ravel für das Ballett „Ma mère l'oye“ skizziert hat.
Das Ereignis des Abends folgte nach der Pause: Da wurde bei Béla Bartóks „Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug“ wirklich ernsthaft Musik gemacht. Die enorme Virtuosität, der auch die Schlagwerker Torsten Schönfeld und Dominic Oelze vom silberhellen Triangelton bis zum schneidenden Beckenschlag auf die Zweiunddreißigsteltriole genau Paroli zu bieten wussten, hatte nichts Selbstgefälliges mehr, stand ganz im Dienst eines brillanten Werks, dessen kühne Montagetechnik die Musiker in wohlgemuter Spiellaune bloßlegten. Wer rasante Akkordkaskaden auch in schrägeren als Drei- und Viervierteltakt-Metren blitzsauber bewältigt, der bringt ein Stück musikalischer Moderne wie dieses zum Swingen.
Womit – dank Barenboim – der Bartók-Schwerpunkt der diesjährigen Festspiele nach der atemberaubenden Aufführung des Ersten Klavierkonzerts im ersten Philharmonischen der Sommersaison gleich den zweiten Höhepunkt erlebte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2008)