Marius von Mayenburgs "Stein": Erbarmungslos absehbar

(c) EPA (Barbara Gindl)
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Der "Stein" rollt von den Nazis zur Wende und auf schiefer Ebene ins Pathos.

Links ein Piano, ein Esstisch mit feinem Kaffeeservice und Guglhupf, ein dunkler Parkettboden, der sich in der Mitte bedrohlich wölbt, rechts grelle Gartenmöbel, eine Schaukel, davor ein frisches Beet, in dem Leichen vergraben sein könnten; der Spaten vor einem Busch liegt immer bereit. Das ist in Marius von Mayenburgs knapp zweistündigem Stück „Der Stein“ die auf schiefer Ebene angelegte Szenerie (Bühne: Damian Hitz). In ihr spielt sich eine typisch deutsche Familiengeschichte ab: zwischen 1935 und wenige Jahre nach der Wiedervereinigung 1990. Donnerstag gab es die Uraufführung bei den Festspielen – der erste von vier Beiträgen im Wettbewerb des „Young Directors Project“. Der Abend aber ließ zu wünschen übrig.

Ein Haus in Dresden unter den Nazis, im Bombenangriff, in der DDR und in der neuen BRD, eine Großmutter (Judith Engel), die im Haus Bereicherung durch Arisierung, Vertuschung der Nazi-Vergangenheit, Flucht aus der DDR und Rückforderung der Immobilie mitmacht und durchlebt, eine Frau, deren Charakterlosigkeit durch Rückblenden und Parallelszenen nach und nach enthüllt wird – das könnte ein lohnender Stoff sein. Doch erstens zieht sich dieses Drama bald erbarmungslos absehbar dahin, zweitens hat Regisseur Ingo Berk die Vorlage übereifrig zu Tode interpretiert.

„Der Stein“ wirkt schließlich sehr plakativ und moralisch, auch einzelne gute Einfälle und zum Teil ansprechende schauspielerische Leistungen können das ambitionierte Gesellenstück nicht retten. Der Anfang ist noch vielversprechend. Großmutter Witha, Mutter Heidrun (Bettina Hoppe überzeugt in ihrem Ringen) und Enkelin Hannah (Elzemarieke de Vos) haben nach der Wende wieder das alte Haus in Dresden bezogen, Witha ist schon senil; sie flüchtet vor eingebildeten Bomben unter den Tisch. Heidrun erklärt Hannah, dass deren Opa Wolfgang (Kay Bartholomäus Schulze) ein Held war. Unter den Nazis habe er eine jüdische Familie gerettet. Tatsächlich aber hat er sich beim Einmarsch der Sowjets erschossen.

Schon seine ersten Auftritte zeigen, dass dieser junge Mann mit Nazi-Frisur und Parteiabzeichen auf dem Revers der jüdischen Familie Schwarzmann das Haus abknöpft. Ein enthüllender Satz von Herrn Heising: „Wie es hier riecht! Wie ein jüdischer Haushalt.“ Später wird Frau Heising beim Besuch in der DDR abschätzig sagen: „Wie es hier riecht!“ Während die Männer 1935 über den Hauspreis verhandeln, trinken Mieze Schwarzmann (Eva Meckbach beeindruckt in dieser Nebenrolle) und Witha Kaffee (Engel kann die Altersrolle meist nicht gänzlich ablegen). Miezes „Greifen Sie zu!“ bekommt eine tieftraurige Bedeutung. Witha greift zu. Gierig isst sie auch noch mehr als ein halbes Jahrhundert danach den Kuchen...

Enkel streben nach Wiedergutmachung

Die Geschichte wiederholt sich als Farce, dem Stück wird eine Nebenhandlung mit einer zweiten jungen Frau aus der positiven, nach Wiedergutmachung strebenden Enkelgeneration aufgesetzt. Die ostdeutsche Stefanie (Lea Draeger) dringt in das Haus ein, in dem sie vor der Wende bei ihrem Großvater gelebt hat. Der sei daran gestorben, dass Withas Familie sich das Haus zurückgeholt habe, er habe den Rauswurf nicht verkraftet, erfahren wir in einer Szene voller Outrage.

Da ist das Geheimnis von Oma und Opa Heising aber fast schon ausgegraben, die belastenden Briefe Wolfgangs und der Stein, mit dem ihn die Nazis angeblich beworfen haben, wurden zuvor pathetisch im Beet vergraben. Mit diesem Pathos ging wohl auch das Gelingen des Stückes unter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2008)

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