Literaturgeschichte: Wenn die Frauen sich ganz intensiv „ver-sehen“

Franz K. Stanzel hat ein Buch über die „Fernzeugung“ geschrieben.

„Nun darf endlich einmal der ,Spleen' die Feder führen“, schreibt der Anglist Franz K. Stanzel, der kommenden Montag seinen 85.Geburtstag feiert, in der Einleitung zu seinen eben erschienenen vermischten Schriften mit reichlich skurrilen Themen. Der emeritierte Ordinarius für Englische Philologie in Graz hat seit 50 Jahren Wesentliches zur Romanforschung beigetragen. Seine „Theorie des Erzählens“ (Göttingen/UTB) erscheint 2008 in achter Auflage.

Den Spleen hingegen pflegt Stanzel in der Motivforschung: „Telegonie – Fernzeugung. Macht und Magie der Imagination“ (Wien-Köln-Weimar: Böhlau Verlag 2008, 296 Seiten, 24,90 Euro) hat ihn ganz nebenbei über viele Jahre beschäftigt. Ein größeres Werk war geplant. Daraus wurde aber aus Zeitmangel keine umfassende Darstellung, sondern nur eine Materialsammlung für die Forschung.

Einfluss auf NS-Rassengesetze

Die Publikation umfasst in einem schmalen dritten Abschnitt Merkwürdigkeiten wie etwa einen Essay über den Kropf der Steirer, über Stereotypen von Völkern oder über Thackerays europäisches Kuriositätenkabinett, doch die ersten beiden Teile sind eine intensive Beschäftigung mit dem Motiv der Fernzeugung. Der Begriff Telegonie wurde 1892 vom Zoologen August Weismann erstmals in der Wissenschaft verwendet (griechisch: tele=fern und gonos= Same). Er bezeichnet damit die bereits in der Antike verbreitete Annahme, dass allein der Gedanke an oder das Anschauen eines Dritten beim Zeugungsakt das gezeugte Wesen beeinflussen werde. Man findet diese seltsame Überzeugung in der Bibel, in der griechisch-römischen Literatur, bei Shakespeare oder Goethe.

Auch Ende des 19.Jahrhunderts taucht dieses Motiv wieder verstärkt auf, bei so unterschiedlichen Autoren wie Zola, Ibsen, Schnitzler oder Joyce, meist ironisch. Da war die Theorie der Fernzeugung, dass ein „Sich-Versehen“ von geschwängerten Frauen sogar zu Missbildungen führen könnte, wissenschaftlich bereits diskreditiert, aber sie beeinflusste noch den Philosophen Otto Weininger, der in „Geschlecht und Charakter“ die Unterlegenheit der Frau postulierte. Ihm war die Idee willkommen, dass die schwache Frau vom ersten Geschlechtspartner „infiziert“ werde, dass solch eine Infektion „genetisch nie mehr zu tilgen“ sei. Diese Infektionstheorie spielte auch eine Rolle in den NS-Rassengesetzen von 1935: „Ein einziger Koitus mit einem andersrassigen Partner kann das ganze arische Potenzial im Erbgut einer Mutter ein für alle Mal schädigen.“

Färben der Schafe

Stanzel spürt der Telegonie in der Literatur nach, untersucht Dreiecksverhältnisse und noch komplizierteres Sexualverhalten in Klassikern wie „Die Wahlverwandtschaften“ oder Skandalbüchern wie „Lady Chatterley's Lover“, wird fündig bei Rousseau, Weill und Sartre. Am prägnantesten ist das in zwei Aufsätzen über Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ ausgearbeitet. Dort erzählt Shylock, wie der biblische Jakob seinen Anteil an den Herden seines Schwiegervaters Laban vermehrt: Ausgemacht war, dass Jakob die gefleckten Tiere behalten kann. Durch einen Zuchtkniff, der nicht bei Shakespeare, aber in der Genesis ausreichend erklärt wird, erreicht er, dass die Schafe gefleckte Lämmer gebären. Jakob vertraut auf Telegonie. Den Schafen werden bei der Begattung zum Teil geschälte, also gefleckte, Zweige vorgehalten.

Die Bibel hat immer recht. Bei den Schafen ereignet sich mit Gottes Hilfe ein wundersames „Sich-Versehen“. Und Stanzel, von den seltsamsten Motiven der Literatur infiziert, hat ein wunderlich geflecktes Alterswerk erzeugt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2008)

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