Europa- und kulturfreundlich soll die Partei sein, die ich wähle. Viel Auswahl gibt es da nicht.
Macht die liebliche Stadt Salzburg mit ihrem barocken Grundgefühl vergnügungssüchtig? Am Freitag (die aufdringlichen Kirchenglocken der Stadt schlugen bereits bedenklich viele Stunden) wache ich schweißgebadet wie Jedermann auf und denke: „Du bist ein schlechter Staatsbürger und ein noch schlechterer Lokalpatriot.“ Während deine Kollegen in Wien rastlos daran arbeiten, die Parteiprogramme zu studieren und die Spitzen der Gesellschaft auszuhorchen, damit die Leser auch seriös entscheiden können, welches Kreuz sie am Wahltag Ende September auf sich nehmen sollen, gehst du hier ständig ins Theater und Konzert, wenn du nicht gerade mit klugen Schauspielerinnen oder anderen kulturaffinen Personen beim Kaffee auf dem Mönchsberg undogmatische Konversation betreibst. Meine einzige Wahl besteht darin, ob ich nach der Premiere stilles Wasser, Weißwein oder Himbeersaft trinken soll.
Schlimmer noch: Ich entdecke in mir bei der Lektüre der Zeitungen eine erschreckende Wien-Feindlichkeit. Kaum eine Woche habe ich die geliebte Hauptstadt verlassen, schon schimpfe ich halblaut auf die da oben in der Bundesregierung, unten am Balkan, und zwar so intensiv, dass mich der vortragende Professor im „republic“ missbilligend anblickt. Soll ich diesem errötenden Molterer tatsächlich glauben, dass bald schon eine fürstliche 13. Kinderbeihilfe auf uns niederregnet? Oder diesem Buchinger, dass er nicht blau ist, wenn er über den offenen Arbeitsmarkt und die Festung Europa nachdenkt? Und dann erst diese nervöse Splitterpartei, die für mich grüngelborangebraunbürgerbewegt glitzert und undurchschaubar bleibt. Ich denke mir: Was gehen mich fremde Wiener Exstadträte und Reservekanzler an, die unser gutes Salzburger Geld verprassen?
Nach so viel schlechtem Karma gehe ich also reumütig zur Lesung von Dimitré Dinev. Der lässt im Mozarteum die Wladigeroff Brothers & Band, befreundete Musiker aus Bulgarien, Serbien, der Ukraine und Salzburg, heißen Balkan-Jazz aufspielen und liest zwischendurch ein paar Seiten, ehe sich das Publikum ausgelassen verbrüdern könnte. „Der Regen“ ist eine schöne Geschichte über die Aussöhnung ewig verfeindeter türkischer und bulgarischer Familien. Das klingt wie eine freundliche Einladung an den nächsten Dichter zu Gast, den Türken Orhan Pamuk, das Thema Völkerverständnis aufzugreifen. Ja, für ihn ist sein Land auch europäisch.
Ich werde meine Wahlentscheidung schon nächste Woche treffen, bevor ich auf Urlaub fahre. Für mich gelten diesmal nur zwei bescheidene Kriterien. Einen positiven Satz zur Kultur sollte sich eine Partei abringen. Und so europafreundlich wie das Dichterprogramm bei den Salzburger Festspielen muss sie sein. Viel Auswahl wird es da wohl nicht geben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2008)