Bei den Spielen der Superlative will das Gastgeberland brillieren und die Medaillenwertung gewinnen. 639 Athleten vertreten ein Milliardenvolk.
Erstmals in der Sportgeschichte finden die Olympischen Sommerspiele in China statt. Von Freitag bis 24. August blickt die Welt nach Peking. Wie auch schon im Vorfeld – da dominieren freilich Doping-Ängste, Berichte über Umweltplagen, Internet-Zensur und andere Menschenrechtsfragen die Berichte.
China investierte sagenumwobene 60 Milliarden Euro in Organisation und Erstellung der Infrastruktur. Die Millionenmetropole Peking hat sich herausgeputzt und soll, so der Plan der KP-Zentrale, der Ort einer nie erlebten Demonstration werden. 639 Athleten wurden aus Chinas 1,3 Milliardenvolk ausgesucht, um die Medaillenwertung zu gewinnen. Amerika entsendet nur 596 Sportler, dem Gastgeber ist es recht. China „muss“ bei den Heimspielen die Nummer 1 sein.
Seitdem das Reich der Mitte am 13. Juli 2001 den Zuschlag vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erhalten hat, die Sommerspiele 2008 auszutragen, kannten Trainer, Sportler und vor allem Funktionäre nur noch ein Ziel: Gold. 112-mal Gold hat die am 1. Oktober 1949 gegründete Volksrepublik seit der ersten Olympia-Teilnahme 1984 (vorher nur 1952 in Melbourne ohne Erfolg dabei) schon gewonnen. Bei den Spielen in Athen 2004 war nur Amerika mit 36 Gold-Medaillen erfolgreicher. Zum Vergleich, Chinas Ausbeute: 32 Gold-, 17 Silber- und 14 Bronzemedaillen.
Gedenken an Bebenopfer
Chinas unbedingtes Streben nach Erfolg hat durch das verheerende Erdbeben vor drei Monaten in der südwestchinesischen Provinz Sichuan eine andere, eine „menschliche Antriebskraft“ erhalten. Am Sonntag traf die Olympische Flamme in der Stadt Guangan ein, 300 Kilometer vom Zentrum des Erdbebens entfernt. Mit einer Schweigeminute wurde der 80.000 Bebentoten gedacht. Es ist wahrscheinlich, dass Kinder aus der Region bei der Eröffnungsfeier am Freitag eine tragende Rolle spielen neben Basketball-Star Yao Ming, der das Feuer im Olympia-Stadion entfachen soll. Der 2,29-m-Riese hat noch eine Mission zu erfüllen: Er verdient Millionen in Houston, Texas, und soll China vor allem zum Sieg gegen das Mutterland des Basketballs – die USA – führen.
Hochleistungssport wird in China, so wie in Einparteiensystemen üblich, als repräsentatives Darstellungselement genutzt. Das Milliardenvolk liefert Talente, die in eine planwirtschaftliche Sport-Maschinerie gelangen. Kleinkinder (ab vier Jahren) werden – wie einst in der DDR – bereits vermessen, gescannt und nach Begabung und Neigung in einem Netz von 3000 Spezial-Sportschulen verteilt. Auf den Sieger von morgen warten fortan jahrelang unvorstellbar eiserner Drill, tägliches Training.
Die Proteste halten sich in Grenzen, staatliche Hilfe und der Traum eines erfüllten (Partei-)Lebens helfen über allfällige Bedenken hinweg. Für viele ist Sport der einzige Ausweg aus der Armut, dazu kam mit den Spielen 2008 der „Olympische Gedanke“. Sportminister Liu Peng vielsagend: „Das Glück, an Olympischen Spielen in der Heimat teilzunehmen, ist eine historische Chance. Eine lebenslange Ehre und die Last der glorreichen Mission.“
Doch kein Schildkrötenblut
Als „Mas Armee“ bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1993 in Stuttgart auf der Tartanbahn aufmarschierte und Athletinnen wie „Roboter“ ihre Runden drehten, hielt die Welt den Atem an. Gaben Raupenpilz und Schildkrötenblut tatsächlich die Kraft für Rekorde, die heute noch halten? Vor den Spielen in Sydney 2000 kam selbst China diese Erfolgsserie verdächtig vor und nachdem verbotene Substanzen gefunden wurden, war klar, dass die Nation nicht nur einen wirtschaftlichen Höhenflug gestartet hatte, sondern auch in Forschung, Chemie und folglich auch längst im Doping in neue Dimensionen vorgestoßen war und auch heute noch als weltgrößter „Pharma-Produzent“ gilt.
Es bleibt abzuwarten, wie überwältigend Chinas Olympia-Auftritt sein wird und wie groß die Anzahl der Sieger ist, von denen man noch nie etwas gehört hat.
AUF EINEN BLICK
■Die XXIX. Sommerspiele finden vom 8. bis 24. August 2008 erstmals in der chinesischen Hauptstadt Peking statt.
■China stellt mit 639 Athleten das größte Aufgebot aller Zeiten, mit dem Ziel, die Medaillenwertung (302 Bewerbe, 28 Sportarten) zu gewinnen. In Athen eroberte das Reich der Mitte 32 Gold-, 17 Silber- und 14 Bronzemedaillen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2008)