Salzburger Festspiele: Trauerarbeit bis zur Schmerzgrenze

(c) AP (LILLI STRAUSS)
  • Drucken

Jan Lauwers & Needcompany vollenden in Hallein das Großprojekt „Sad Face/Happy Face“ – großartiger Beginn, Krise zur Mitte, tolles Finale.

Eine blinde Greisin, die ihr fast ein Jahrhundert währendes Leben Revue passieren lässt. Ein Vater, den der Tod seines Kindes in den Selbstmord treibt. Eine junge Frau, deren Bruder im Krieg auf dem Balkan getötet wurde und die nun die Ursachen sucht. Davon handelt die Trilogie „Sad Face/Happy Face“ der Brüsseler Needcompany, die am Freitag auf der Perner-Insel in Hallein erstmals zusammen an einem Abend Premiere hatte.

Jan Lauwers' bunte Truppe spielt bis zur Schmerzgrenze, es geht ums Ganze. Singend, tanzend, erzählend zeigt ein Dutzend Schauspieler sechs Stunden lang Leben und Sterben in einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk. Sie verausgaben sich bis zur völligen Erschöpfung. Das bemerkt man vor allem beim abschließenden dritten Teil: „Das Hirschhaus“ war bereits am vergangenen Montag uraufgeführt worden (wir berichteten letzten Mittwoch). Diese große Trauerarbeit, die schon als Einzelwerk imposant ist, muss als Abschluss einer abendfüllenden Trilogie ungeheure Energie kosten.

Isabellas fantastische Kunstkammer

Das Beste aber bot die Needcompany diesmal gleich am Anfang: „Isabellas Zimmer“ ist der Triumph einer großen Schauspielerin. Viviane De Muynck spielt eine Frau, die als Baby von ihrem Vater Alexander (Benoit Gob), einem Leuchtturmwärter, zu Klosterschwestern weggegeben wurde. Vier Jahre später haben er und seine Frau Anna (Anneke Bonnema) ihr eigenes Kind adoptiert. Isabella träumt vom Wüstenprinz als ihrem wirklichen Vater und erkennt erst viel später die wahren Zusammenhänge. Da sitzt sie in einem seltsamen Zimmer in Paris, das mit exotischen Gegenständen vollgestopft ist; Masken aus Afrika, Kultgegenstände, ägyptische Mumien, ein Walpenis, auf drei großen Tischen wird das präsentiert, riesige Schränke am Rand versprechen noch mehr, opulente Bilder feiern das Fremde. Isabella ist Afrika-Forscherin geworden.

Jan Lauwers hat dieses Stück seinem Vater Felix (1924–2002) gewidmet, der Tausende solcher Artefakte gesammelt hat. „Felix“ ist auch das Leitmotiv für Isabella. Die Suche nach dem Glück. „Felix“ heiße „Glück“ in einer toten Sprache, heißt es am Schluss. Isabella, die über die Jahre immer wieder große Verluste erleidet, versucht trotzdem, mitten im Leben zu sein. Die Mutter stirbt früh, der trunksüchtige Vater verlässt sie früh, hinterlässt ihr nur die Kunstkammer, die Liebe ihres Lebens (Hans Petter Dahl) wird verrückt, die letzte, durchaus auch erotische Liebe ihres Lebens ist der Enkel (Maarten Seghers). Er wird als Rotkreuz-Helfer in Westafrika ermordet. Um ihn zu retten, macht Isabella die einzige Afrikareise ihres Lebens. Für einen Tag.

Die blinde Frau aber, die am Schluss ihre Sammlung verkaufen will, lässt den Schmerz nicht an sich heran: „What a waste of time is pain!“ Sie lebt mit ihren Toten, die sind auf der Bühne ständig präsent, widersprechen sich und auch der Protagonistin, spielen die erzählten Szenen lustvoll aus, tanzen sie, repräsentieren sie, deuten sie durch Mimik an. So fließt auch sehr viel heilsame Ironie in das traurige Stück. Am schönsten aber gelingt die Darstellung des Jahrhunderts mit all seinen Tragödien der imposanten De Muynck, die kokett auf hohen Absätzen durch die Geschichte stöckelt, inbrünstig singt, bei den Männern richtig rangeht, vor allem aber lakonisch ist bis zur Neige. Ein großer Beginn, im Schlussstück der Trilogie wird sie ihren Erfolg als Matrone im „Hirschhaus“ wiederholen.

Überfrachteter „Lobstershop“

Mit „Isabellas Zimmer“ kann das Mittelstück nicht mithalten, vielleicht auch, weil De Muynck fehlt. „Der Lobstershop“ hat vor allem aber die Schwäche der Überfrachtung. Zur schrecklichen Geschichte eines toten Kindes kommt noch Kritik an der Gentechnik, an der Umweltverschmutzung, an der Kälte der Welt hinzu. Das steht in keiner Relation zu der persönlichen Tragödie von Genetikprofessor Axel (Hans Petter Dahl) und seiner Frau Theresa (Grace Ellen Barkey), die ihren Sohn verlieren.

Die Leistung des Ensembles wird durch diese Schwäche aber nicht geschmälert. Jeder dieser Schauspieler ist ein ganz eigener Charakter, es wird aber derart mühelos und harmonisch zusammengespielt, dass trotz der Schwere des Stoffes eine wunderbare Leichtigkeit entsteht. Trauer hat bei der Needcompany immer auch ein rettendes Element der Ironie. „The Lobstershop“ beginnt sogar mit einer Farce. Ein weihevoll geplanter Selbstmord wird durch einen stolpernden Kellner verhindert, der Axel den Hummer samt Soße auf den blütenweißen Anzug wirft.

Doch die Komik kommt gegen das Tragische, die Selbstzerfleischung der Eltern nicht an. Packend sind im „Lobstershop“ selbst die eingespielten Videos auf einer großen Leinwand. Hauptdarsteller ist das erbarmungslose Meer, dessen Tosen von Möwengekreisch durchbrochen wird. Am Strand kämpfen zwei Buben, die Väter schauen teilnahmslos zu, bis einer der Buben unter den Tritten und Schlägen zusammenbricht, in den Armen des Vaters stirbt. Der Rest ist archaische Tragödie, das Ringen um Sinn. Wieder unterhalten sich die Lebenden und die Toten. Die lassen einen in dieser Trilogie nicht los.

ZUR PERSON

Jan Lauwers, 1957 in Antwerpen geboren, studierte u.a. Malerei. 1986 gründete er in Brüssel seine Needcompany. 1997 war er zur Documenta geladen. Bei den Wiener Festwochen war die Truppe zu Gast. Auch der kommende Burgchef Matthias Hartmann schätzt Lauwers.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.