Anfüttern verboten! Was ist mit der Politik?

Kulturbetriebe wie die Salzburger Festspiele leiden unter dem Anti-Korruptionsgesetz. Und die Abgeordneten?

Die Salzburger Festspiele haben in diesem Jahr vielversprechend begonnen, mit einem imposanten Theater-Kunstwerk, Andrea Breths Dostojewski-Analyse „Verbrechen und Strafe“, mit intensivem Theater der Needcompany aus Brüssel auf der Perner-Insel in Hallein. In der Oper, die bisher anscheinend sehr durchwachsen war, kann man wenigstens mittels Leporello Erwin Schrott ein wenig Netrebko-Glanz verspüren. Die Primadonna fällt diesmal aus, weil sie ein Kind erwartet. Aber sogar Hollywood Glamour hat die Stadt: Der Tod im „Jedermann“, Clemens Schick, ist ein James-Bond-Bösewicht aus „Casino Royale“.

Der Starrummel ist jedoch vielleicht gar nicht so wichtig wie die Selbstinszenierung des Publikums auf der schönsten Freiluftbühne Europas. Hier feiern sich Großindustrie, Mittelstand, Politik und andere Societies ganz ungeniert beim Kulturgenuss. Bayreuth, sagt bedeutungsschwer ein Kollege vom Rundfunk, der es aus Erfahrung wissen muss, Bayreuth sei eine Provinz-Klitsche im Vergleich zu Salzburg.

Über dieser sogenannten besseren Gesellschaft lastet aber in diesem Jahr ein dunkles Wölkchen – das Anti-Korruptionsgesetz, das Justizministerin Maria Berger geschaffen hat und das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Man nehme dieses Gesetz sehr ernst, heißt es im Umfeld von Sponsoren. Der Grund zur Vorsicht: Geschenkannahme von mehr als 100 Euro wird kriminalisiert. Einige Kunden haben Einladungen zu den Festspielen abgelehnt, weil sie nicht in den Verdacht des „Anfütterns“ geraten wollen – dass ein Geschäft zustande kommt, weil etwa ein Beamter oder der Mitarbeiter eines staatsnahen Betriebes zum „Don Giovanni“ und zum anschließenden Dinner eingeladen wurde. Mit 100 Euro geht das sicher nicht.

Für die Festspiele könnte diese Entwicklung zu einem neuen Sponsorverhalten führen: weg von großen Gönnern aus der Industrie, die jeweils hunderte Karten kaufen, um sie an Kunden und Mitarbeiter zu verschenken, hin zu reichen Privatleuten, die keinerlei wirtschaftliche Interessen haben. Das ist mühsamer, aber die Salzburger Festspiele werden mit diesem Gesetz leben können. Sie haben bisher auch gemeistert, dass Bund, Land und Stadt seit zehn Jahren bei der Subventionierung sparen. Mehr als 13 Millionen Euro erhält Salzburg pro Jahr. Zum Vergleich: Allein die Einnahmen an Steuern und Abgaben für Bund, Land und Stadt durch das Festival sind höher, sein Eigendeckungsgrad beträgt gut 70 Prozent, und die Umwegrentabilität für die ganze Region macht selbst bei sehr vorsichtigen Schätzungen mehr als 200 Millionen Euro aus. Das schafft tausende Arbeitsplätze.

In der Diskussion über die Festspiele oder auch die überaus stark subventionierte Kultur in Wien – Festwochen oder Vereinigte Bühnen – zählt das jedoch nicht, weil derart opulente Ereignisse ein nicht zu verfehlendes Ziel der Neidgenossen sind. Vielleicht aber sollte man in diesem Zusammenhang andere Fragen stellen. Ist es nicht schizophren, dass die Politik einerseits von Festivals, Museen, Theatern, Opernhäusern, Universitäten verlangt, immer mehr Mittel selbst aufzubringen, was nur durch Sponsoring erfolgen kann, andrerseits aber Mäzenatentum behindert? Die Steuervergünstigungen für Spenden im Kulturbereich sind marginal. Vielleicht ist das Verhalten der Regierung im angeblichen Kulturland Österreich ja an sich kulturfeindlich, weil man lieber dem Populismus dient als der Kunst?

Korruption muss bekämpft werden, nur gibt es wahrscheinlich lohnendere Ziele als die Prüfung von Konzertkarten. Ist es wirklich zu akzeptieren, dass Abgeordnete von Ministerin Bergers Gesetz ausgenommen sind? Sind Mandatare, diese bescheidenen Staatsdiener, a priori mit einem Heiligenschein ausgestattet? Darf es sein, dass ein Finanzminister, mag er auch noch so adrett geföhnt sein, sich von einem Industriellen zum Segeln einladen lässt, selbst wenn nicht unterstellt werden kann, dass später einträgliches europäisches Land für Freibeuter in Sicht kommt?

Vielleicht sollte man Korruption noch strenger definieren. Denken wir einmal ganz sauber: Muss es sein, dass Österreich die großzügigste Parteienfinanzierung der zivilisierten Welt hat? Wer füttert da eigentlich wen? Und ist es nicht auch eine Art Anfüttern weniger Privilegierter durch viele Wehrlose, wenn in diesem operettenhaften Kammernstaat in fast jedem Lebensbereich Pflichtmitgliedschaft besteht?

Premierenfeiern Seite 12
Kritiken aus Salzburg Seiten 19, 20

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2008)

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