Nachruf Solschenizyn: Tausende Worte Wahrheit

(c) (Alexander Zemlianichenko)
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Zeit seines Lebens hat Alexander Solschenizyn seinem Land unerschrocken einen Spiegel vorgehalten und dafür mit Lager, Verbannung und Ausweisung bezahlt. Zum Schluss war sein Einfluss aber nur mehr marginal.

Zum Schluss sah es nach Versöhnung mit der Macht aus. So zumindest lässt sich am leichtesten erklären, dass Alexander Solschenizyn, der unerbittliche Kämpfer gegen das vom KGB gestützte Sowjetsystem, gerade den KGB-Abkömmling Wladimir Putin empfangen und von ihm eine staatliche Auszeichnung akzeptiert hat. Vor zehn Jahren noch hatte er einen Ehrungsversuch von Staatspräsident Boris Jelzin abgeblockt, 1990 einen von Michail Gorbatschow. Vor allem Jelzin hielt er vor, das Land in die Armut getrieben und an die Oligarchen ausverkauft zu haben. Putin hält er immerhin zugute, einen Wiederaufbau in Gang gesetzt zu haben.

Solschenizyn ausgehend davon eine Übernahme der Putin'schen Geschichts- und Gegenwartsdeutung zu unterstellen greift ziemlich kurz. Solschenizyn hatte andere, ureigene Denkquellen, Einschätzungskriterien und Wertprinzipien, die ihn zu dem jeweiligen Befund kommen ließen, den er konjunkturunabhängig äußerte. „Ich war immer überzeugt von dem, was ich getan habe, und nie habe ich im Widerspruch mit meinem Gewissen gehandelt“, schrieb er einem Land, das ein Jahrhundert lang mit der systematisierten Lüge lebte, ins Stammbuch. Ebendiese Überzeugung kann auch so aussehen, dass Putins Tschetschenienkrieg verteidigt, der Staatschef aber für seine Attacken auf Medien oder die Kluft zwischen Arm und Reich gegeißelt wird.

Kein Demokrat im westlichen Sinn

Ob seine Sicht der Dinge mit der russischen oder gar der westlichen kompatibel ist, hat Solschenizyn nicht gekümmert. Und dass er allein deswegen, weil er die Verbrechen des Kommunismus minuziös formulierte und dafür mit seinem eigenen Schicksal bitter bezahlte, als Demokrat westlichen Verständnisses gelten sollte, wäre ihm selbst nicht in den Sinn gekommen. Er würde die zukünftige russische Demokratie lieber „nicht als eine Lehnübersetzung aus dem Westen“ sehen, sagte er in einem Interview mit dem deutschen Magazin „Cicero“. Den westlichen Parteiparlamentarismus halte er für ein Übel, weil es dort nur um Machterlangung gehe. Solschenizyn glaubt bis zuletzt an „den allmählichen Aufbau demokratischer Strukturen, ausgehend von der lokalen Selbstverwaltung“. Hier greift er auf die alte Idee von der staatstragenden urrussischen Dorfgemeinschaft zurück, wie sie von der slawophilen Bewegung im 19.Jahrhundert bemüht wurde. Solschenizyn bedauert, dass sein Vorschlag keine Anteilnahme erfahre. Das ist nicht besonders verwunderlich, wirft man einen Blick auf den Zustand heruntergekommener und ausgedünnter Dorfstrukturen in Russland. Hier den Hebel anzusetzen wirkt in der Tat sehr zweifelhaft.

Größte Sprengkraft: „Archipel Gulag“

Im Übrigen hatte Solschenizyn seit seiner Rückkehr nach Russland 1994 so gut wie keinen Einfluss mehr. Seine anfängliche TV-Sendung, in der er eine moralische Rekreation propagierte, war bald wegen angeblichen Zuseherschwunds abgesetzt, seine – teils historischen – Bücher lösten nur marginale Diskussionen aus oder brachten ihm gar den Vorwurf des Antisemitismus ein. Die größte Sprengkraft hatte Solschenizyns Wort vor einem halben Jahrhundert entwickelt. In seinem Hauptwerk „Archipel Gulag“ (im Ausland 1973 publiziert) enthüllte der Schriftsteller das stalinistische Terrorregime und löste Alarm bei der Sowjetführung aus. Wegen Vaterlandsverrats wurde er 1974 ausgewiesen. „Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt“, sollte er im selben Jahr in einer verspäteten Nobelpreisrede sagen.

Ein Wort der Wahrheit bestimmt auch die Biografie. Solschenizyn musste nicht nur 25 Jahre vom Ausland aus zusehen, wie die Sowjetdiktatur sich gegen ihren endgültigen Untergang stemmte. Schon zuvor zahlte er für einen offenen Briefwechsel, in dem er Stalin kritisierte und als „Schnurrbärtigen“ bezeichnete: Eben erst zurück aus dem Krieg erhielt Solschenizyn 1945 acht Jahre Lagerhaft nach dem berühmten Paragrafen 58 („antisowjetische Tätigkeit“). Wegen seiner Ausbildung zum Mathematiker und Physiker konnte er die Haft in einem wissenschaftlichen Forschungszentrum zubringen, was ihm eigenen Worten nach das Leben rettete. 1956 ging er frei, unterrichtete in einem Dorf und widmete sich verstärkt dem Schreiben und der Geschichte. Schon bald konnten seine Bücher nur noch im Ausland publiziert werden.

„Als einer der Ersten hat er lautstark die Stimme gegen das Stalin-Regime erhoben – zum Schutz derer, die Opfer dieses Regimes wurden“, meinte Expräsident Michail Gorbatschow am Montag: „Seine Bücher halfen den Leuten zu sehen, was dieses Regime in Wirklichkeit bedeutete. Wir müssen Solschenizyn dankbar sein für seinen herausragenden Beitrag zum Kampf gegen dieses Regime, damit unser Land frei und demokratisch wurde.“

Zur Person

Alexander Issajewitsch Solschenizyn, 1918 in Südrussland geboren, starb am Sonntag in Moskau. Wegen Kritik an Stalin wurde der Schriftsteller 1945 zu acht Jahren Haft verurteilt. Nach Erscheinen von „Der Archipel Gulag“ 1974 wies man den Literaturnobelpreisträger (1970) aus der Sowjetunion aus. Erst 1994 kehrte er in die Heimat zurück.

Wichtigste Bücher: „Der Archipel GULag“, „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, „Im ersten Kreis der Hölle“, „Krebsstation“.

Der ORF zeigt morgen, Mi., 23h, die Doku „Solschenizyn – Dichter und Rebell“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2008)

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