Finanzkrise
Nach einem Jahr kein Land in Sicht
Banken-Crash, Rettungsaktionen, Krisentreffen - rund ein Jahr nach dem Ausbruch der Kreditkrise in den USA schrillen die Alarmglocken lauter denn je. Die US-Regierung sucht mit Hochdruck nach milliardenschweren Beruhigungspillen für die Finanzmärkte. "Die eigentliche Krise steht noch vor uns", warnte kürzlich Banken-Experte Martin Faust von der Frankfurt School of Finance.
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Für die USA ist der amerikanische Traum vom eigenen Heim zum Alptraum geworden. Angesichts des Zusammenbruchs der US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sitzt die US-Regierung in der Klemme. In der Stunde der Not muss sie eingreifen - kann allerdings nicht helfen, wenn es hart auf hart kommen sollte.
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Vielleicht wäre sogar eine Verstaatlichung unumgänglich. Doch US-Finanzminister Henry Paulson wehrt sich beharrlich gegen derartige Gedanken. Der Grund liegt für Experten auf der Hand: Der Staat könnte es sich angesichts seiner Schuldenlasten gar nicht leisten.
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Also sucht Washington mit Hochdruck nach milliardenschweren Beruhigungspillen für die Finanzmärkte. Paulson hat nun ein umfangreiches Hilfspaket für Fannie Mae und Freddie Mac geschnürt. Allerdings sind derzeit selbst Kenner der US-amerikanischen Finanzstrukturen nicht in der Lage, eine Antwort auf die einfache Frage zu geben: Reichen die Hilfsmilliarden aus Washington, um die taumelnden Riesen zu retten?
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"Wer einen Brand löschen will, sollte genug Wasser mitbringen", sagte ein früherer Berater von US-Notenbankchef Ben Bernanke einmal. Andere glauben angesichts der schieren Bedeutung der US-Hypothekenfinanzierer nicht, dass Fannie Mae und Freddie Mac zusammenbrechen. So kommentiert Dirk Schiereck, Professor an der deutschen European Business School, die Position des US-Finanzministeriums mit den Worten: "Die können sie nicht pleitegehen lassen."
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"Too big to fail" - dieses Schlagwort trifft auf einige Große des US-Finanzmarktes besonders zu: Washington hat gar keine Wahl, als ihnen nach Kräften unter die Arme zu greifen. Zusätzlich zu den Milliarden für "Fannie" und "Freddie" vom Staat sprang im Frühjahr die Notenbank höchstpersönlich mit einem Milliardenkredit ein, um der Investmentbank Bear Stearns auszuhelfen. Mittlerweile ist Bear Stearns verkauft.
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Bei anderen Marktteilnehmern mit Milliardenlöchern weckt das Begehrlichkeiten nach weiteren staatlichen Hilfen. Und genau das ist das Problem. "Gewinne privatisieren und den Crash sozialisieren" - das könne nicht sein, kritisiert Wolfgang Gerke, Professor für Bankenwesen und Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums. Doch die Liste neuer potentieller Opfer wird immer länger.
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Schätzungen reichen von 90 bis 150 gefährdeten US-Finanzhäusern unter den landesweit 7.500 Banken. "Man muss sich wundern, wie die Kapitalmärkte so blauäugig sein können", konstatiert Martin Faust von der Frankfurt School of Finance.
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Europäischen Volkswirtschaften droht zwar kein vergleichbarer Crash wie bei der US-Bank IndyMac, doch eine ordentliche Delle ist so gut wie sicher. So erwartet Dirk Schiereck, Professor an der European Business School, massive Umbrüche in Europas Bankenlandschaft. Zusammenschlüsse von Instituten seien möglich, um die Lasten gemeinsam zu schultern: "Derzeit dürften die Kartellbehörden das eher durchwinken als sonst."
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Allerdings sieht die Situation für Europa deutlich weniger schlimm aus. Die Hypothekenkrise sei zu sehr ein "amerikanisches Problem", so Faust. "Ich glaube aber nicht, dass wir in Deutschland die Insolvenz einer Bank sehen."
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Verfechter einer strikten Marktwirtschaft sprechen von einer nötigen Bereinigung für die Vereinigten Staaten. Doch was, wenn bei der Rosskur zu viele Patienten sterben? Selbst US-Börsenguru Jim Cramer glaubte zuletzt nicht mehr recht an die Selbstheilungskräfte. "Die Wall Street war immer so etwas wie ein viermotoriges Flugzeug, das auch nach Ausfall eines Triebwerks weiterfliegen konnte. Nun aber sind alle Antriebe auf einmal ausgefallen."
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Ein rundes Jahr lang hält die Krise mittlerweile die Finanzmärkte der Welt in Atem. Im August 2007 stürzten weltweit die Börsen ab und ließen das ganze Ausmaß der Misere erkennen. Sie hatte sich über Jahre angebahnt - als ein Drama in fünf Akten mit offenem Ende. Alle Hoffnungen auf ein baldiges Ende waren bisher vergeblich. Der beste Spruch zu diesem zweifelhaften Jubiläum kommt ausgerechnet von George W. Bush.
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Bei einer privaten Veranstaltung wähnte sich der US-Präsident unbeobachtet. "Die Wall Street hat sich betrunken", spottete Bush kürzlich in Texas. "Nun hat sie einen Kater." Ein Zuhörer nahm Bushs Worte heimlich auf und stellte sie ins Internet. Allerdings ist der Begriff "Kater" reichlich untertrieben.
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Die Wirtschaft der USA erlebte in den 90er-Jahren eine der längsten Boom-Phasen ihrer Geschichte. Heute droht dem Wohlstand Gefahr. Im Frühjahr 2000 platzt die Internet-Blase und schickt die Börsen in den Keller, am 11. September 2001 erzittert die Wall Street unter dem Schock der Terroranschläge. Die Notenbank Fed versuchte gegenzusteuern.
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Abgenickt durch die US-Regierung verfolgte die Federal Reserve eine radikale Politik des billigen Gelds: Im Juni 2003 erreicht der Leitzinssatz das Rekordtief von 1,0 Prozent. Schuldenmachen wurde immer billiger - quasi ein Volkssport. Amerika schwelgte in einem Konsumrausch auf Pump.
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Eine verhängnisvolle Entwicklung erfasste den Immobilienmarkt: Banken vergaben millionenfach Kredite an Hauskäufer mit geringem Einkommen. Die Nachfrage nach Häusern stieg rasant, und mit ihr deren Preis - um jährlich etwa zehn Prozent. Die Banken verkaufen die Kredite an Wall Street-Investoren weiter...
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... die ihrerseits auf hohe Profite spekulierten. Ärmeren Risikokunden berechnen die Investoren satte Kreditzinsen. Die Gefahr scheint zunächst gering. Wenn die Kunden nicht mehr zahlen konnten, ließen sich die Häuser auf dem boomenden Immobilienmarkt bei ständig steigenden Preisen profitabel weiterverkaufen.
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Der Immobilienmarkt lief bis 2006 glühend heiß. Komplexe Investmentprodukte, die auf Immobilienkrediten an wenig kreditwürdige Kunden ("subprime") beruhen, finden weltweit reißenden Absatz.
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Das frische Geld investieren Banken in neue Kredite an Risikokunden. Oft ist nicht mal mehr ein Einkommensnachweis nötig. Kleinstverdiener wie Putzfrauen oder Kellner bekommen problemlos Hauskredite über eine halbe Million Dollar. Doch die Kredite haben einen Haken.
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Kreditnehmer müssen variable Zinssätze in Kauf nehmen, die steigen können. Es ist bereits klar, dass viele ihre Kredite nie werden abzahlen können. Egal: solange die Blase noch wächst, winken Investoren hohe Profite.
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Über zwei Drittel der US-Bürger lebten zuletzt im Eigenheim - eine trügerische Sicherheit. Bis zu 2006 verdreifachte sich der Anteil der riskanten "Subprime"-Kredite am Gesamtgeschäft auf etwa 20 Prozent. Und dann kam der Bumerang.
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Bei den Banken häuften sich plötzlich die Ausfälle weit über das erwartete Maß hinaus. Zahllose Kreditnehmer wurden zahlungsunfähig, von steigenden Zinssätzen überfordert. 2007 betrug die Zahl der Zwangsversteigerungen 2,2 Millionen - doppelt so viel wie im Vorjahr. Für dieses Jahr sieht es keineswegs besser aus.
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2008 werden es wohl noch mehr. Hauspreise fallen rapide, Banken und Investoren bleiben auf faulen Krediten und unverkäuflichen Häusern sitzen.
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Mittlerweile hat der Strudel der Immobilienkrise das gesamte Wirtschaftsgeschehen der USA erfasst - und der Konjunktureinbruch der größten Volkswirtschaft der Welt ist global zu spüren. Die Börsen haben bis jetzt mehr als 20 Prozent verloren, die Konjunktur legte eine Vollbremsung hin.
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Nach einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) mussten Banken bisher mehr als 400 Mrd. Dollar an faulen Immobilienkrediten abschreiben, insgesamt droht der Verlust von 945 Mrd. Dollar. Dazu spricht der IWF eine Warnung aus: Das Schlimmste sei noch nicht ausgestanden. Ag./mar
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