Pamuk: „Die Welt muss sich von Bush erholen!“

(c) Erika Mayer
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Nobelpreis-Träger Orhan Pamuk ist als Dichter zu Gast bei den Salzburger Festspielen, mit einem neuen Roman im Gepäck. Er schätzt Hofmannsthal, Bush hingegen mag er nicht. Und auch keine politischen Fragen.

Ich glaube an die Literatur nach dem Leben“, antwortet Orhan Pamuk auf die Frage, ob er an Transzendenz nach dem Tod glaube, weil in seinen Romanen zuweilen die Toten mit den Menschen reden. „Solche Gespräche sind Fiktion, es gibt auch eine komödiantische Tradition dieses Erzählens aus dem 16. Jahrhundert.“ Angst vor dem Tod habe er natürlich, sagt der türkische Nobelpreisträger für Literatur, der von extremen Nationalisten seines Landes wegen kritischer Äußerungen zur Kurden- und Armenien-Frage auf eine Todeslisten gesetzt wurde. Todesangst sei sogar ein Impuls für das Schreiben. „Immer wenn ich mich bedroht fühle, gehe ich in die andere Welt, in die der Literatur. Vielleicht haben auch die Drohungen der letzten fünf Jahre bewirkt, dass mein neues Buch 600 Seiten lang ist.“ Aber das Schreiben bedeute keine Heilung. „Ich mag die Idee, dass man dem Tod ins Auge sieht, das ist ein ernstes philosophisches Problem, ein so schreckliches, dass wir davonlaufen oder Witze machen.“

Pamuk residiert als Dichter zu Gast bei den Salzburger Festspielen in Schloss Leopoldskron, das einst Festivalgründer Max Reinhardt gehörte, wo Mitgründer Hugo von Hofmannsthal oft zu Gast war. Fühlt der 56-Jährige, dessen Romane eine melancholische Grundstimmung haben, eine gewisse Verwandtschaft zu diesem Dichter einer Spätzeit? „Ich unterrichte in diesem Jahr in den USA an der Columbia University, und diesmal habe ich meinen Studenten eine Erzählung von Hofmannsthal zu lesen gegeben“, sagt Pamuk am Montag im Gespräch mit der Presse. „Ich liebe seinen malerischen Stil, er ist so wie ich ein visueller Künstler. Auch Proust und Tolstoi gehören dazu, ihre Wirkung entfaltet sich durchs Sehen. Andere sind dramatischer veranlagt, wie zum Beispiel Dostojewski.“

„Das Malen ging so leicht!“

Zum Malen habe er eine natürliche Begabung. „Bei der Literatur muss ich mich stärker anstrengen. Ich brauche mehr Selbstdisziplin. Wahrscheinlich habe ich mit 22 zu malen aufgehört, weil es so leicht ging, weil ich es wie ein Kind tat.“ Mit der Musik hingegen, wie er sie jetzt hier in Salzburg erlebt, fühlt sich Pamuk nicht so vertraut: „Die Oper ist eine große Kunst, die besuche ich aber in New York, nicht in Istanbul. Die westliche Komposition wird in der Türkei nicht so sehr beachtet, obwohl die Musik stark subventioniert wird und Atatürk auch auf diesem Gebiet eine Verwestlichung wollte. Aber diese Konzerte sind nicht einmal in der Oberschicht beliebt. Das zeigt auch ein Dilemma unseres Landes.“

Zwischen Ost und West, das ist der Stoff, aus dem Pamuks Romane sind; am 11.September kommt bei Hanser auf Deutsch ein neuer heraus: „Das Museum der Unschuld“. Die Geschichte handelt von einem Mann der Oberschicht, der sich in eine entfernte Verwandte verliebt. „Der Roman soll aber keine Glorifizierung der Liebe sein, sondern all ihre Facetten zeigen.“ Er wolle die Liebe nicht auf ein Podest stellen. „Sie passiert uns, man kann sie im Roman aus einer Distanz, aus Bergeshöhe beobachten und schauen, was sie aus uns macht, was mit uns passiert, wenn wir uns verlieben.“

War es für Pamuk belastend, das erste Buch nach dem Ruhm des Nobelpreises zu schreiben, weil von der Superliga der Literatur nur das Beste erwartet wird? „Ich muss das weitverbreitete Klischee bekämpfen, dass Nobelpreisträger nicht mehr Nennenswertes hervorbringen. Ich habe ihn in relativ jungen Jahren erhalten und sehe mich nicht am Ende meiner Karriere. Der Nobelpreis ist nicht meine Pension, ich stand mitten in der Arbeit am neuen Roman. Jetzt habe ich viele neue Leser gewonnen, mein Werk wird in 58 Sprachen übersetzt.“

Eigentlich wollte Pamuk Maler werden. „Davon träumte ich, seit ich sieben und bis ich 22 war. Meine Familie ermunterte mich dazu. Heute kritzle ich nur noch, aber ich bin noch immer an Malerei interessiert. Mich fasziniert, was die Hand auf einem leeren Blatt Papier machen kann.“ Pamuks autobiografisches Buch über Istanbul endet in der Zeit Mitte der Siebzigerjahre, als er das Malen aufgibt und beschließt, Schriftsteller zu werden. Wird er die Autobiografie fortsetzen und über das Werden eines Autors, die Veränderung seiner Stadt schreiben? „Ja, das will ich machen, ein zweiter und dritter Band sind geplant. Erst will ich die Zeit bis 1990 behandeln. Damals habe ich ein für mich wichtiges Werk vollendet, .Das schwarze Buch'. Es geht um die Entwicklung eines Romanciers in einem Land, das auf diesem Feld kaum Tradition hatte. Aber Istanbul wird wenig Rolle spielen, sondern es ist eine Art philosophischer Diskurs darüber, was mit uns passiert, wenn wir Romane schreiben oder lesen. Romane sind Sichtweisen auf die Welt. Das werde ich essayistisch beschreiben. Ein Roman ist für mich auch eine Aussage über den metaphysischen Zustand der Welt. Man kann in dieser Form sehr stark experimentieren.“

Politische Fragen als Strafe

Durch Pamuks Romane erfährt man Reichhaltiges über die Türkei von heute. Welche Autoren haben ihn Wesentliches über sein Land begreifen lassen? „Ich bewundere Ahmed Hamdi Tanpinar. Ein Hauptwerk von ihm wird bei der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. (,Das Uhrenstellinstitut‘, ursprünglich 1962 veröffentlicht, Anm.) Er hat die französische und auch die übrige europäische Literatur gut gekannt. Er war versiert in Proust und verkörpert die Melancholie nach dem Verlust des Ottomanischen Reiches. Ich sehe mich in seiner Tradition. Er ist unser Klassiker der Moderne.“

Hält er Literatur für gefährlich? Pamuk: „Nein. Sie repräsentiert die Welt durch Geschichten. Aber Autoren von Zola bis Sartre haben Wirkung, weil ihre Leser ihnen zuhören, wenn sie sich als Bürger politisch äußern. Oft geraten sie dadurch in Schwierigkeiten. Das ist auch mir passiert. Man äußert sich aus moralischem Zorn. Die Literatur macht einen berühmt, dann wird man von Journalisten politisch befragt, und schon ist man in Gefahr.“ Er lacht: „Die Strafe, die mir der türkische Staat auferlegt hat, sind solche Journalistenfragen.“

Sieben Säulenheilige

Von der deutschen Literatur liebt Pamuk Stefan Zweig. „Aber die vier größten Romanciers sind für mich Tolstoi, Dostojewski, Proust und Thomas Mann. Beinahe so gut sind Borges, Calvino und Nabokow. Die schreiben viel moderner. Ich weiß, man soll keine Hierarchien aufstellen, aber ich kann mich eben nicht zurückhalten. Das sind meine sieben großen Helden. Zu ihnen kehre ich immer wieder zurück.“

Wo endet für Pamuk Europa? „Das ist wieder eine politische Frage. Man kann sie nicht mit einer Landkarte beantworten. Für mich ist Europa ein Prinzip. Es besteht aus mehr als nur Strategie. Es geht um Identität. Wenn man die Türkei aufnehmen will, ist das ein großes, aber auch ein realistisches Thema. 70 Millionen Türken gibt es, auch sie diskutieren intensiv Pro und Kontra. Und was hält er von der Entwicklung in den USA, die er häufig besucht? Pamuk: „Amerika hat durch Präsident Bush und seine Taten schlechte Jahre gehabt hat. Ich hoffe, dass sich das durch Barak Obama ändert und sich die Welt wieder erholt. Die USA können uns allen durch ihre Stärke Schmerzen bereiten. Sie sollten offener sein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2008)

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