Schwimm-Star Michael Phelps will den Rekord von Mark Spitz aus dem Jahr 1972 von sieben Goldmedaillen brechen. Auch mit nur vier Goldenen aus acht Bewerben schriebe er bereits Geschichte.
Auf ihn richten sich bei den Olympischen Sommerspielen in Peking die Augen der Sportwelt. Schon bevor das Spektakel eröffnet ist, kann er keinen Schritt in der Öffentlichkeit machen, ohne nicht von Reportern, Fotografen oder Konkurrenten beobachtet zu werden. Doch mit diesem „Dilemma“ geht der Amerikaner Michael Phelps brillant um, er macht sich schlichtweg rar – wenn auch nicht immer ganz freiwillig.
Der 23-jährige Amerikaner stahl schon bei den Spielen in Athen 2004 allen die Show, er gewann in überragender Manier acht Medaillen, davon sechs aus Gold. Den Rekord von Mark Spitz (1972 München, siebenmal Gold) verpasste er zwar, was jedoch nichts an seinem Ausnahmestatus veränderte. Ganz im Gegenteil. Knackt Phelps nun den Spitz-Rekord, erhält er von Ausrüster Speedo eine Prämie von einer Million Dollar. Und gewinnt er nur die Hälfte aller acht Bewerbe, in denen er startet, ist er mit zehn Gold-Medaillen auf der Habenseite der erfolgreichste Olympia-Sportler aller Zeiten.
Erfolgreicher als Carl Lewis
Er könnte nicht nur Spitz, sondern auch Carl Lewis, Paavo Nurmi und Larissa Latynina übertrumpfen. Dieser Mann ist wahrlich Gold wert. Der Amerikaner startet über 100 und 200 Meter Schmetterling, 200 und 400 Meter Lagen, 200 Meter Kraul und greift bei drei Staffelbewerben seinen Kollegen unter die Arme.
Dass er es tatsächlich schaffen kann, daran zweifelt spätestens nach dem Rücktritt des Australiers Ian Thorpe niemand mehr, außerdem gab der Ausnahmekönner bei den Weltmeisterschaften in Melbourne 2007 seine Richtung vor: sieben Titel, fünf Weltrekorde. Er scheint in Pekings leuchtendem Wasserwürfel, dem neu errichteten Schwimmstadion, nicht aufzuhalten zu sein.
Wie auch? Streckt er seine Hände aus, erreicht er eine Spannweite von 2,03 Metern. Das ist länger als so manches Bett, allerdings bei 1,93 Meter Körpergröße, Schuhgröße 48,5 und 87 Kilogramm Gewicht nur ein „klitzekleines“ Detail am Rande.
Seinem Rekordlauf haben es alle anderen Schwimmer auch zu verdanken, dass sie zu relativ ungewöhnlichen Zeiten ihre Finalläufe bestreiten und auf die gewohnten Schwimm-Termine am Abend verzichten müssen. Damit der Liebling der US-Massen auch zeitgerecht zur Prime-Time über die Bildschirme flattert, heißt es früh aufstehen: In Europa zumeist um vier Uhr früh (10 Uhr in Peking). Ihm ist es freilich egal, er genießt die Szenerie und verweigert strikt jegliche Form der Prognose. Und obwohl er schweigt und das Rampenlicht meidet, spricht trotzdem jeder nur von ihm und nicht von Grant Hackett (Australien, 1500 Meter) oder Pieter van den Hoogenband (Niederlande, 100 m Kraul), die jeweils einen individuellen und historischen Hattrick bei Olympia anpeilen.
Konkurrenz ist nervös
Wie angespannt die Nerven sind, zeigte ein Vorfall beim Training: Hackett und ein australischer Reporter gerieten sich in die Haare, es entstand ein lautstarker Disput. Ein Handgemenge wurde nur durch das entschiedene Eingreifen der Trainer verhindert. Phelps hatte also recht. Er mied die Halle wie der Teufel das Weihwasser...
„Last ihn doch in Ruhe arbeiten“, verteidigte nun sogar das große Vorbild Mark Spitz seinen potenziellen Nachfolger. „Er wird unglaublich schwimmen, da bin ich mir sicher“, zitiert die Zeitung „USA Today“ den „Großmeister des Schwimmsports“.
Phelps' Auftritte, spekuliert Spitz, könnten zu Lehrstunden im Schwimmbecken werden. Die ganze Welt werde gebannt den Atem anhalten, wenn Phelps anschlage, so Spitz weiter. Vollendet Phelps seine Mission tatsächlich, erlebe auch das Phänomen Spitz eine neue Dimension, ist der Superstar der 1972er-Spiele überzeugt: „Es wäre dann ganz so, als ob ich der erste Mann auf dem Mond gewesen wäre und er ist jetzt der zweite...“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2008)