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Archäologie: Über 8000 Jahre Käse

Maus mit Käase
(c) Bilderbox
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Reste von Fett auf Tonscherben sagen: In Anatolien aß man schon 6000 v.Chr. Milchprodukte.

Am Anfang war der Käse. Bevor sich die Menschen daran gewöhnten, Milch von Tieren zu trinken, gewöhnten sie sich daran, Käse zu essen. Das hat einen ganz materiellen Grund: Das Gen, das die Verdauung von Milchzucker reguliert (Laktase-Gen), wurde in seiner „Urform“ im Kindesalter abgedreht, nach der Entwöhnung von der Mutterbrust vertrugen unsere Ahnen keine Milch mehr. In vielen Teilen der Welt herrscht noch immer diese Variante des Laktase-Gens vor, darum trinken etwa Chinesen kaum Milch.

In Käse ist deutlich weniger Milchzucker als in Milch, darum ist er leichter verträglich – für die Mitglieder einer Population, die „noch“ die „alte“ Variante des Laktase-Gens haben. In den Völkern, die Rinder, Schafe und Ziegen hielten, muss sich dann allmählich die „neue“ Variante durchgesetzt haben, die beschwerdefreies Milchtrinken ermöglicht, einfach weil ihre Träger es mit der Ernährung leichter hatten. Wann fand dieser Selektionsprozess statt? In den letzten 3000 bis 7000 Jahren, sagen die Genetiker.

Die Archäologen um Richard Evershed (eigentlich Chemiker, University of Bristol) lesen nicht aus DNA-Basen, sondern aus Tonscherben, die einst Gefäße waren. Darauf suchen sie Reste von Fetten und Fettsäuren (die entstehen, wenn sich Fette zersetzen). Durch das Mengenverhältnis der Fettsäuren – Tiere haben mehr gesättigte als Pflanzen, vor allem solche mit 16 und 18 Kohlenstoffatomen – und Isotopenanalyse – Milch enthält mehr 13C als das Fleisch der Tiere – können sie die Herkunft bestimmen.

Das taten sie zuerst in England, dort fanden sie 6000 Jahre alte Spuren von Milchfett. Nun analysierten sie über 2200 Gefäße aus dem Nahen Osten und Südosteuropa. Ergebnis: Schon Gefäße aus dem siebten Jahrtausend v.Chr. enthielten Fettspuren. Und zwar vor allem solche aus dem nordwestlichen Anatolien, wo damals vor allem Rinder gezüchtet wurden. Offenbar fingen Rinderzüchter früher mit dem Melken an als Schaf- und Ziegenzüchter, meinen die Forscher. Von welcher Art von Wiederkäuern die Fettreste stammen, können sie aus ihren Analysen nicht sicher sagen.

In Experimenten haben sie indessen festgestellt, dass Fette aus nicht verarbeiteter Milch sich auf in der Erde begrabenen Gefäßen nicht lange halten. Das spreche dafür, schreiben sie in Nature (7.8.), dass die Milch schon damals verarbeitet wurde, zu Joghurt oder Käse. Was, siehe oben, biochemisch vernünftig scheint. Und auch dafür spricht, dass diese frühen Konsumenten von Milchprodukten sesshaft waren. tk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2008)