Als Gast kann man sich in der Olympiastadt Peking frei und überall nahezu ungestört bewegen. Wer demonstriert, wird allerdings blitzschnell verhaftet.
PEKING. Wer in diesen Tagen durch Peking spaziert, kommt an Olympia einfach nicht vorbei. An jedem Mast und an jedem Zaun wehen Beijing-Fahnen, das Olympia-Logo leuchtet zudem auch von fast jeder Hauswand. Sogar der Flughafen wurde mit Transparenten umhüllt, unzählige Volunteers verpassen dem Geschehen weiteres, buntes, freundliches Flair. Extra Bus-Shuttels wurden eingerichtet, der Express-Zug fährt ebenso im Eiltempo in die City und eigentlich scheint Pekings Alltag unverändert. Dass jedoch an jeder Ecke, jeder Ampel oder jedem noch so kleinen Eingang entweder ein Polizist oder ein Soldat steht, ist selbst für Einwohner eine neue, aber akzeptierte Begleiterscheinung.
Immer nur lächeln
Doch die Beamten sind freundlich und obgleich kaum einer Englisch spricht, wirken sie trotz steifer Haltung und kontrollierten Schrittes stets ehrlich, wirklich bemüht. Auch verlaufen alle Security-Checks sowohl in Hotels, vor Bus-Stationen, Eingängen zum Olympia-Areal oder erstmals auch dem Österreich-Haus bestimmt, aber kontrolliert freundlich ab. Der schlichte Olympia-Gast kann Peking also in vollen Zügen, sofern es Probleme wie Luftfeuchtigkeit, Smog und Verkehr (trotz Einschränkung ist ein 30-minütiger Stillstand auf einer vierspurigen Straße keine Seltenheit) erlauben, in vollen Zügen genießen. Dem, der etwa Protestaktionen oder Demonstrationen gegen China vorhat, droht Ungemach.
Studenten für ein freies Tibet
Mit Chinas Härte mussten sich Demonstranten aus den USA und Großbritannien zwei Tage vor Beginn der Spiele vertraut machen. Denn sie entrollten in der Nähe des Olympiastadions ein riesiges Plakat mit der Aufschrift „Free Tibet“. Eine Aktion, die sofort Folgen hatte. Die Aktivisten der Menschenrechtsgruppe „Studenten für ein freies Tibet“ wurden verhaftet. Ihre an Strommasten montierten Banner waren nur eine halbe Stunde lang zu sehen, danach war diese Episode fast schon wieder Geschichte, die als „illegal“ betitelte Versammlung aufgehoben.
In Peking ist dieser Vorfall beinahe untergegangen, denn weiterhin lassen sich nicht alle Internet-Seiten öffnen. Und so wird es wohl auch während der am Freitag beginnenden Spiele ablaufen. Das Internationale Olympische Komitee billigt es, weitere Vorstöße gegen die Aufhebung dieser Restriktionen wird es trotz des Zornes einiger IOC-Mitglieder und Politiker nicht geben. Auch werden keine Protestaktionen von Sportlern erwartet, darauf haben sich die Nationalen Komitees geradezu eisern eingeschworen. Es hätte nicht nur sportliche Folgen in Form eines sofortigen Ausschlusses, sondern zöge auch wirtschaftliche und politische Konsequenzen mit sich. Denn zu groß ist sowohl das Polit-Aufgebot und der Andrang der Sponsor-Vertreter, die sich allesamt bereits fix für die Eröffnungsfeier der Sommerspiele am Freitag angekündigt haben.
Regen-Kanonen in Stellung
Viel der Kritik an System und Chinas Machtliebe aber stimmt nicht, sondern sind von übereifrigen Medien aus der Luft gegriffene „Propaganda“. Das bewies der „Presse“-Lokalaugenschein auf dem Tian'anmen-Platz. Angekündigt war, dass der Platz des „Himmlischen Friedens“ geschlossen sei und Journalisten, die ihre Olympia-Akkreditierung zeigen, offen auf Tibet, Smog und Kommunismus angesprochen werden und mit Kritik rechnen müssten. Tatsache aber ist, dass der Platz weiterhin als Mittelpunkt der Stadt regelrecht gesucht wird, von Einheimischen wie Touristen. Die Olympia-Karte erregt zwar viel Neugierde, aber nur positive. Der Besucher wird mit „Ni hao“ begrüßt, fotografiert und auch in der ehemals „Verbotenen Stadt“ stehen alle Türen offen.
Es gibt also zwei Sichtweisen der Dinge wie immer. Die Spiele werden pünktlich beginnen und auch für den letzten Gegner, das Wetter, ist Peking gerüstet. Die Regen-Kanonen sind längst in Stellung gebracht.
AUF EINEN BLICK
■Vier Festnahmen
Nach einer Protestaktion (Transparente) vor dem
Olympia-Gelände in Peking wurden vier Tibet-Aktivisten aus den USA und Großbritannien festgenommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2008)