ÖOC-General-Sekretär Heinz Jungwirth über die Berechtigung von Spielen in China, den Unterschied zwischen Kommunismus und Politik des IOC und den Disput um Tamira Paszek und die Beachvolleyballerinnen.
Die Presse: Ist es politisch korrekt, dass die Olympischen Spiele in China stattfinden?
Heinz Jungwirth: Ich sehe es als absolut richtige Entscheidung, man kann doch einem Volk mit 1,3 Milliarden Menschen nicht die Spiele verwehren. Es ist auch die Möglichkeit, abseits des Sports etwas zu verändern. Es beginnt bei der Organisation und führt zu Menschenrechten, zur Öffnung des Landes. Hätten die Spiele nie in China stattgefunden, was wäre dann passiert?
Dann wären sie vermutlich woanders ausgetragen worden...
Was aber hat sich für China geändert, was ändert sich für die olympische Bewegung?
Jungwirth: Es ist ein kommunistisches Regime, das ist ganz etwas anderes als in Europa und einer Demokratie. Änderungen gehen eben nur langsam. Die Frage der Menschenrechte ist allen seit 50 Jahren bekannt, ihre Einhaltung hätte man schon länger fordern können. Jetzt wird Olympia als Katalysator benützt, das darf und kann man der olympischen Idee nicht einfach so umhängen! In Umweltfragen hat sich bereits etwas getan, Firmen wurden für August stillgelegt und der Verkehr eingeschränkt. Aber es ist bei weitem noch nicht ideal. Der Smog wurde gelindert, für den Zeitraum der Spiele wurde alles getan...
...aber danach wird in China vermutlich wieder alles darangesetzt, um Verlorenes aufzuholen...
Jungwirth: (lacht) Was soll ich sagen? Sollte man nicht immer auf das Gute im Menschen hoffen?
Hätte das IOC mehr tun müssen im Vorfeld, um Probleme wie die Zensur zu verhindern? War diese stille Diplomatie von Jacques Rogge der richtige Weg?
Jungwirth: Ach, es ist immer schwierig, über andere zu urteilen. Wir sind selbst nur ein nationales Komitee, also Außenstehende und nicht IOC-Verhandler. In der Durchführung und Kontrolle der Versprechen fehlte aber die Konsequenz. Wenn man davon spricht, dass es keine Zensur gibt, aber am nächsten Tag steht man vor dem Problem und kann es nicht lösen, muss auch das IOC zur Kenntnis nehmen, dass es seine Haltung öffentlich nicht wirklich ideal verkauft hat.
Deshalb laufen bereits Diskussionen um Rogge. Just sein Doping-Weggefährte, der ehemalige Wada-Präsident Richard Pound, soll harsche Kritik an ihm geübt haben.
Jungwirth: Es gab Diskussionen, ja. Aber ich glaube, dass die Führung in ihren eigenen Reihen noch nicht kommuniziert hatte, wie Olympia hier in China ablaufen soll. Vielleicht wissen die Mitglieder auch nicht, wie schwierig es war, das Event und dessen Vorbereitung in Schwung zu halten. Leicht ist das nicht!
Man hat dennoch das Gefühl, dass sich in Peking zwei ähnliche Welten treffen. Das IOC schreibt vor, was man sagen und welche Sponsoren man nicht zeigen darf. Auch China ist eine Diktatur...
Jungwirth: Das IOC schützt nur seine Sponsoren, ohne die Olympische Spiele nicht möglich wären. Die Spiele sind aber werbefrei, in keinem Stadion hängt eine Werbetafel! Diktatur ist eine von vielen Interpretationen, nur würde ich es so nicht nennen.
Bei der IOC-Tagung in Peking wurde auch unser leidiges Doping-Thema von den Winterspielen 2006 in Turin angesprochen. Ist das jetzt endgültig erledigt?
Jungwirth: Ja! Wir haben einen Tätigkeitsbericht vorgelegt, dazu unser Doping-Gesetz präsentiert. Im Juni war der Abschlussbericht vorgelegt worden, das Kapitel ist abgeschlossen.
Ist das Thema damit auch in Österreich aufgearbeitet?
Jungwirth: Da schwelt nichts mehr. Es gab Anfragen vonseiten des Skiverbandes bezüglich Markus Gandler. Wir sind aber bei unserer Linie geblieben, ihn künftig nicht mehr zu akkreditieren. Und interessanterweise habe ich jetzt gehört, dass er nicht mehr in den FIS-Gremien für Langlauf vorkommt und nicht mehr Sportdirektor beim ÖSV sein soll.
Zuletzt gab es in Österreich wieder Aufregung um das ÖOC. Tamira Paszek wurde trotz eines freien Platzes nicht nominiert. Beachvolleyballerin Sabine Swoboda wurde von ÖOC-Arzt Alfred Engel „ausgemustert“? Geschah alles mit Recht?
Jungwirth: Paszek hatte lange keine wirklich guten Leistungen gebracht. Wir verfolgen unsere Linie konsequent. Und im Fall Swoboda gebe ich Dr.Engel absolut recht. Ich stehe voll zu seiner Entscheidung.
ZUR PERSON
■Heinz Jungwirth (*23.Juli 1951 in Wien) unterrichtete zunächst bis 1980 acht Jahre lang am Gymnasium Astgasse Turnen und Geschichte, war Vortragender an der Uni Wien und ist seit 1982 Generalsekretär des ÖOC. Zudem ist er Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Olympia-Gremien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2008)