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Austro-Chinesen lässt Olympia kalt

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Von Euphorie rund um das sportliche Großereignis ist in „Little China“ in Wien nichts zu spüren. Auch von Stolz, dass das Sportevent des Jahres in China stattfindet, ist nichts zu bemerken.

Der 8.8.2008 gilt als Glückstag. Für Chinesen noch viel mehr, ist ja die 8 in China eine besondere Glückszahl: Im Spiel mit ähnlich lautenden Wörtern erinnert die Zahl an das Wort für „reich werden“. Dass die Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking genau auf diesen Tag fällt, war also durchaus gewollt.

Austro-Chinesen lässt das Ereignis trotz aller Symbolkraft weitgehend kalt. „Ich stehe bei der Olympia-Eröffnung gerade im Geschäft“, sagt Hoaping Lai, Betreiber des Sino-Marktes auf der Wienzeile. Während Kunden in der Tiefkühltruhe nach Hühnerfüßen wühlen, erklärt er: „Das Geschäft hat mit Olympia nichts zu tun.“ Weder würden deswegen mehr Kunden kommen, noch habe man Produkte im Sortiment, die damit etwas zu tun haben. Anschauen werde er die Wettkämpfe wohl nicht – wegen der Zeitverschiebung.

Ähnlich sieht das die Verkäuferin im Asia-Market nebenan. Der einzige Effekt, den der Austragungsort hat, ist der, dass sie kaum etwas von den Spielen mitbekommen wird – die Übertragungen beginnen in Österreich um drei Uhr nachts. Und kommt sie von der Arbeit heim, sind die letzten Bewerbe des Tages schon vorbei.

 

Weswegen stolz sein?

Auch von Stolz, dass das Sportevent des Jahres in China stattfindet, ist in „Little-China“ beim Naschmarkt nichts zu bemerken. Keine Fahnen, keine Hinweise auf die Spiele in Peking finden sich in den Auslagen der Asia-Shops und Restaurants. „Ich lebe seit 20 Jahren hier“, meint die Verkäuferin mit Wiener Dialekt, „ich kann nicht sagen, dass ich stolz bin.“

Spricht sie den Austro-Chinesen damit aus der Seele? „Das Thema tangiert sie emotional schon, ein gewisser Stolz auf das Chinesentum ist schon da“, sagt Richard Trappl, Sinologie-Professor und Leiter des Konfuzius-Instituts der Uni Wien, „aber vielleicht gibt es ja einen Ermüdungseffekt.“

Ein Ermüdungseffekt, der auch damit zusammenhängen könnte, dass China in der westlich-medialen Wahrnehmung derzeit vornehmlich den Prügelknaben gibt. Das Thema Zensur und die Tibet-Frage würde viele Exil-Chinesen nerven, so Trappl. Viele von ihnen würden eher die chinesische Perspektive einnehmen. „Und im Westen denkt man sich besonders in die tibetische Perspektive hinein“, meint der Sinologe. Kein Wunder also, dass viele Austro-Chinesen all diese Themen irgendwann ausblenden.

 

„Tibet geht es besser als früher“

Oder auch nicht. So meint etwa Gan Wang, Herausgeber der chinesischsprachigen Wochenzeitschrift „Europe Weekly“: „Tibet geht es besser als früher.“ Wirklich schlecht ginge es nur den Flüchtlingen in Nordindien. In seiner Zeitung werde das Thema natürlich behandelt – „kritisch, aber nicht aggressiv gegen China“, erklärt er, denn „dass China nur böse ist, ist nicht die Wahrheit.“ Zensur gebe es bei der Zeitung, von der etwa 5000 Exemplare gedruckt werden, jedenfalls nicht.

Dafür gibt es für die Dauer der Olympischen Spiele acht Sonderseiten, in denen sportliche und politische Aspekte des Großereignisses behandelt werden – man ist sogar mit einem Journalisten vor Ort. Abgesehen davon spürt Wang kaum etwas von Olympia. Im Buchladen „China Book“, den er mit seiner Frau betreibt, sieht das Sortiment aus wie immer – abgesehen von kleinen Aufklebern mit den Olympia-Maskottchen, die hinter dem Ladentisch hängen.

Nun, zumindest ein Ereignis gibt es für die Austro-Chinesen rund um Olympia: einen Empfang des chinesischen Botschafters in einem Wiener Hotel heute, Freitag, zu dem die austro-chinesische Community geladen ist. Ob Wang dort hingeht, weiß er noch nicht. Er ist an diesem Tag zu zwei Hochzeitsfeiern eingeladen – diesen Paaren soll der 8.8.2008 besonders Glück bringen. Kein Wunder, dass Olympia Nebensache bleibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2008)