Peter Handke trifft bei den Salzburger Festspielen auf Beckett.
Schloss Leopoldskron ist ein locus amoenus für Poeten. Als Festspiel-Gründer Max Reinhardt vor 80 Jahren Hausbesitzer war, wurden Dramen gelesen bis zum Morgengrauen. Neuerdings sind hier wieder „Dichter zu Gast“, in diesem Jahr Dimitré Dinev und Orhan Pamuk. Am Mittwoch gesellte sich der polyglotte Peter Handke hinzu. Er besuchte die zweite Aufführung einer szenischen Erstlesung. Durch sein Erscheinen wurde sie für ausgesuchte Fans wohl zur Weihestunde, auch wenn sie in ihrer Eigenheit dringend die Frage nach Identität und Differenz aufkommen ließ. Eine seltsame Fügung: „Beckett/Handke. Das letzte Band/Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ kündigte das Programm detailliert an. Wo endet der eine? Wo beginnt der andere?
Samuel Becketts Text war das Vorprogramm von 20 Minuten und ein kurzer Epilog, Handkes Gesang der Hauptteil. Sein Monolog (auf Französisch) ist einer Gefährtin gewidmet, der Schauspielerin Sophie Semin. Er gibt eine vierzigminütige Antwort auf Becketts Einakter. Vor 50 Jahren ist „Krapp's last tape“ veröffentlicht worden, ein Stück von sagenhafter Lakonie und doch von höchster Schönheit. Um es vorwegzunehmen, im Vergleich zu Beckett ist selbst der erlesene Dichter Handke geradezu geschwätzig.
Schachtel drei, Spule fünf
Thomas Holtzmann liest auf Deutsch den Krapp. Weißes Gesicht. Wirres graues Haar. Unrasiert. Neben ihm sitzt bereits Semin. Weißes Kleid. Offenes langes Haar. Wehend. Auf ihrem Manuskript liegt ein Stein, den sie beim Lesen umklammern wird. Sie ist die Antwort der Frau, tritt aus einem Standbild aus Stein hervor und beschreibt wortreich die Liebe, an die sich Krapp zuvor wortkarg und in Fragmenten zu erinnern versuchte. In Schachtel drei, Spule fünf, ist diese Liebe gefangen, die Krapp nach 30 Jahren wiederfinden will, die Handke wiedergefunden glaubt. Krapp und die Frau im Nachen: „Wir lagen da, ohne uns zu bewegen. Aber unter uns bewegte sich alles und bewegte uns, sachte, auf und nieder und von einer Seite zur anderen.“
Es bewegt, wie Holtzmann diese unwiederbringliche Szene spricht, als Greis, der einem Mann in den besten Jahren lauscht. Semin wird sie auf Französisch wiederholen, eingebettet in Handkes Bilder und Landschaften. Kann man aber Beckett, diesen „Zeichenmeister“, anreichern mit den Seen von Michigan und Tegucigalpa, mit Peggy Sue und Wittgenstein? „Ach!“ Der Vergleich schmerzt. Lassen wir also Krapp das letzte Wort: „Vielleicht sind meine besten Jahre dahin. Da noch eine Aussicht auf Glück bestand. Aber ich wünsche sie nicht zurück.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2008)