Westliche Multis werden zunehmend aus den Förderländern verdrängt. Die Macht über das Öl haben Firmen wie Saudi Aramco.
Wien. Sie sind die Flaggschiffe der westlichen Wirtschaft und waren über Jahrzehnte hindurch die mächtigsten Konzerne der Welt. Wegen ihrer Macht standen sie oft im Schussfeld der öffentlichen Kritik. Inzwischen sind die internationalen Öl-Multis wie Exxon Mobil, BP, Shell, Total oder Chevron aber auf dem besten Weg, beim großen Geschäft mit dem Schwarzen Gold nur noch Statisten zu sein. Denn die neuen Herren des Öls heißen Saudi Aramco, National Iranian Oil Company, Petrobras oder Petróelos de Venezuela (PDVSA).
Nur noch zehn Prozent der globalen Ölreserven sind unter der Kontrolle der westlichen Öl-Multis, bei weiteren sieben Prozent haben sie durch Joint Ventures zumindest ein Mitspracherecht. Die restlichen 83 Prozent sind jedoch in der Hand der verschiedenen nationalen Ölgesellschaften. Und diese sorgen gemeinsam mit den jeweiligen Regierungen auch dafür, dass die internationalen Firmen bei neuen Projekten nicht mehr zum Zug kommen.
Russland gegen BP
Die angewandten Methoden sind dabei nicht gerade zimperlich, wie der Kampf zwischen BP und seinen russischen „Partnern“ rund um das Joint Venture TNK-BP zeigt. Dabei wurden zuletzt sämtlichen britischen Beschäftigten in Russland keine neuen Visa gewährt. Alles deutet darauf hin, dass der Kampf erst beendet sein wird, wenn einer der russischen Staatskonzerne die Kontrolle über das Unternehmen erhalten hat. BP würde damit das Schicksal von Shell teilen. Der niederländisch-britische Konzern musste bereits 2007 die Kontrolle an dem riesigen Gasfeld Sachalin-2 an Gazprom abtreten.
Dass westliche Firmen aus dem Land gedrängt werden, passiert aber nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion. So kam es zuletzt fast schon täglich zu Verstaatlichungen durch die linkspopulistischen Regierungen in Venezuela oder Bolivien. Aber auch das benachbarte Brasilien ist zunehmend bemüht, die Hand auf den Rohstoffen selbst zu behalten. So versteigerten die Südamerikaner Ende des Vorjahres Lizenzen für das bereits bekannte Ölfeld Tupi. Als dort plötzlich neue Vorkommen entdeckt wurden, zog man diese Lizenzen einfach wieder zurück.
Kaschagan oder „cash all gone“
Für die Ölkonzerne bedeutet dies den Verlust von Milliardenwerten, den sie meist knurrend hinnehmen, um wenigstens mit Minderheitsbeteiligungen im Geschäft zu bleiben. So lautet beim italienischen Ölkonzern Eni – der von der kasachischen Regierung wegen angeblicher Umweltschutz-, Brandschutz- und Zollverstöße beim riesigen Kaschagan-Ölfeld zurückgedrängt wurde – die interne Übersetzung für Kaschagan nur noch „cash all gone“.
Profiteure der Verstaatlichungen sind naturgemäß die jeweiligen Staatskonzerne. Bestes Beispiel dafür ist der weltgrößte Ölkonzern Saudi Aramco. Das Unternehmen – dessen Name ausgeschrieben für Arabian American Oil Company (Aramco) steht – gehörte bis 1980 den Vorgängergesellschaften von Exxon Mobil und Chevron, dann wurde es vollständig verstaatlicht. Seither ist jegliche Ölförderung in Saudi Arabien in der Hand von Saudi Aramco.
Das Unternehmen veröffentlicht zwar keine Umsatz- oder Gewinnzahlen. Aufgrund der Fördermenge lässt sich jedoch ein Jahresumsatz von knapp 500 Mrd. US-Dollar (331 Mrd. Euro) schätzen. Bei aktuellen Verkaufspreisen von knapp 120 Dollar und Produktionskosten von etwa drei bis fünf Dollar – laut Internationaler Energieagentur – je Fass dürfte auch der Gewinn entsprechend hoch sein. Der Wert von Saudi Aramco wurde von der Unternehmensberatung McKinsey auf 781 Mrd. Dollar geschätzt. Saudi Aramco liegt damit deutlich über dem größten börsennotierten Ölkonzern Exxon Mobil, der einen Umsatz von 359 Mrd. Dollar, einen Gewinn von 40 Mrd. und einen Unternehmenswert von 416 Mrd. Dollar verzeichnen kann.
Öl als politische Waffe
Problematisch ist diese Entwicklung aber nicht nur für die Multis, sondern auch für die westlichen Staaten. Denn Länder wie der Iran oder Venezuela wollen ihre Rohstoffe nicht nur aus ökonomischen Gründen unter ihre Kontrolle bringen. Sie haben zunehmend Bestrebungen, die Ölversorgung und den Ölpreis als Waffe gegen den Westen zu verwenden. Dies geschieht auch ganz offen. So drohte der venezolanische Präsident Hugo Chavez der EU im Juni mit einem Öllieferstopp, wenn die neue Richtlinie zur Abschiebung von illegalen Immigranten nicht fallen gelassen werde. Laut Experten hat diese zunehmende Verstaatlichung des Ölsektors einen großen Anteil an der Unsicherheit am Markt, die zuletzt zu den massiven Preisanstiegen führte.
Von den hohen Preisen profitieren bislang aber auch – noch – die westlichen Ölkonzerne, bei denen die Milliardengewinne sprudeln. Allerdings haben die nun das Problem, neue Investitionsmöglichkeiten zu finden, da ihnen immer öfter die Tür vor der Nase zugeschlagen wird. Investitionen fließen daher zunehmend in die Erforschung alternativer Energieträger oder andere Bereiche der E-Wirtschaft. So erklärte beispielsweise BP, in den nächsten Jahren acht Mrd. Euro in Biosprit investieren zu wollen. Und die heimische OMV baut heuer ihr erstes Kraftwerk in Rumänien und denkt über Windparks am Schwarzen Meer nach.
Auf einen Blick
■Westliche Ölkonzerne haben nur noch rund zehn Prozent der globalen Ölreserven unter ihrer Kontrolle. Über den Rest verfügen die staatlichen Konzerne der Förderländer. Diese Länder wollen zum Teil Öl künftig als politische Waffe gegen den Westen nutzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2008)