Ein Basketballspiel läutet den Zweikampf China gegen USA ein. Yao Ming ist das Gesicht der Spiele, er stellt auch die Verbindung beider Länder dar.
PEKING. Dieser Mann ist in China allgegenwärtig. Sein Gesicht lacht von jedem Plakat. Es gibt in Peking kaum eine Werbung, in der nicht der Basketballer Yao Ming die tragende Rolle spielt. Auch das Regime schmückt sich mit dem 2,29 Meter großen Mann und in dieser Rolle als Modellarbeiter fühlt sich der 27 Jahre alte Center wohl. Yao Ming lacht, strahlt Stärke aus und steht für Erfolg. Der wird von den Basketballern, die neben den Tischtennis-Assen die Stars der Chinesen sind, auch verlangt – vor allem im ersten Gruppenspiel (Sonntag, 16.15/Eurosport) gegen Amerika.
Es ist ein Klassiker: Kommunismus trifft auf Kapitalismus. Waren es früher die UdSSR und Amerika, so hat nach dem Zerfall des Ostblocks eben China die Rolle des großen Gegners übernommen. Es ist aber am Sonntag in gewisser Weise auch ein Polit-Duell: Die Präsidenten Hu Jintao und George W. Bush werden erwartet.
Der Brückenbauer mit dem Basketball
Mit diesem Spiel beginnt auch der Zweikampf der beiden Großmächte um den Sieg in der Medaillenwertung. China will diese unbedingt gewinnen. Und da kommt Yao Ming als Aushängeschild sowohl der USA als auch dem Reich der Mitte gerade recht. Als Profi beim NBA-Klub Houston Rockets verdient er pro Saison 56,6 Millionen Dollar. Und er versteht es auch, mit anderen Zahlen zu beeindrucken: Er wiegt 140 Kilogramm, trägt Schuhgröße 55 und hat es binnen vier Monaten dank chinesischer Ärzte geschafft, einen Ermüdungsbruch auszuheilen. Dass ihn, den berühmtesten Sportler Asiens, irgendjemand stoppen kann, das glaubt in China niemand. Die US-Stars üben sich derweil in Zurückhaltung, „wir wollen doch nur Basketball spielen“, sagte etwa Kobe Bryant und wollte nicht auf die tiefer gehende Rivalität eingehen. In Wahrheit wissen sie aber nicht, gegen wen sie spielen außer Yao und Wang Zhizhi (einst bei Dallas) kennen sie keinen Spieler.
Yao Ming erfüllt auch seine Polit-Modellrolle mit Bravour. Für die Erdbeben-Opfer von Sichuan spendete er 2,3 Millionen Dollar. „Er schiebt die Sache mit dem Nationalstolz nicht nur vor. Ihm ist es eine Ehre, für China zu spielen“, glaubt sein ehemaliger Trainer bei den Rockets, Jeff van Gundy. Bei den Amerikanern selbst sei dies in den letzten Jahren nicht mehr der Fall gewesen. Warum? Die Frage blieb unbeantwortet...
Geld verdirbt seinen Charakter – nicht
In dieser Hinsicht hat China sicherheitshalber vorgesorgt: Als Houston den Spieler verpflichten wollte, reklamierte das Reich der Mitte eine Klausel in seinen Vertrag. Egal wann und wo, Yao Ming muss immer für Team China spielen. Weil er es auch tut, ist Yao Ming für seine Landsleute der Beweis dafür, dass Geld nicht immer den Charakter verdirbt. Er ist Kapitalist geworden, ohne seine kommunistischen Wurzeln zu vergessen.
Dass er heute als freier Mann im Land des Erzfeindes leben kann, verdankt er Chinas System. Er durchlief nämlich die gleiche Prozedur, wie sie alle sport-interessierten Kinder erleben. Im Alter von zehn Jahren wurde das Kind zweier Basketballer „ausgewählt“. Eine Handwurzel-Untersuchung und weitere Röntgenbilder ergaben, dass er über 2,10 Meter groß werden würde. Es folgten zehn Stunden tägliches Training, sechs Mal pro Woche wohlgemerkt. Er machte sich einen Namen und landete 2002 als Nummer 1 im NBA-Draft, als erster Ausländer. Dafür, dass Yao Ming „ausreisen“ durfte, musste er jedoch finanzielle Einbußen akzeptieren. Für den „Mann des Volkes“ kein Problem, das sei er seiner Heimat schuldig, sagt er. Allerdings zeigt sich da die Härte des Systems: Die Partei verlangte in den ersten drei Jahren die Hälfte seines „Amerika-Geldes“. Dafür aber ist er auch schon zu Lebzeiten der Nationalheld.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2008)