Bert Brechts Lehrstück „Die Maßnahme“ wird von einer Truppe aus Bergen texttreu bis zur Selbstverleugnung gespielt. Ärgerlich.
Der böse Brecht, der asoziale, hat neben viel Bestialischem eine Reihe wohlkonstruierter Lehrstücke geschrieben, die heute ideologisch zum Alteisen der Ära Stalin zählen. Das schlimmste ist die „Maßnahme“ (1930/31), zu der Hanns Eisler zünftige Melodien komponiert hat. Der bastelte auch, so wie der Regisseur Slatan Dudow, ein wenig am heute nur noch komisch wirkenden klassenkämpferischen Text herum. Das Stück war laut Verein „Neue Musik Berlin“ so „minderwertig“, dass es dessen künstlerischer Leiter Paul Hindemith für seine Festwochen ablehnte. Brecht und Eisler ließen es dann von Laien und Arbeiterchören spielen. Denen und der Musikkritik hat es laut Zeitungsberichten gefallen, was nicht weiter verwundert; Massenauftriebe zur Volksverblödung waren damals von ganz links bis ganz rechts beliebt.
Ein offensichtlich am Laienspiel interessierter Regisseur aus Norwegen hat sich nun beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele dieses verfehlten Brecht angenommen. Tore Vagn Lid aus Bergen zeigte am Donnerstag im „republic“ mit vier Schauspielern, im Publikum platzierten, von Eberhard Kloke dirigierten Chören, einer Bläsergruppe und einer schmucken Videowand, dass man selbst 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion naiv ein fröhliches Liedlein von der Revolution trällern kann.
Friedman, Lenin, Weber
So verblendet aber war nun Brecht auf keinen Fall, denn als Meister der Dialektik legte er auch dieses Stück so an, dass er nur Vorschläge machte zur kalkulierten Politisierung der Arbeiterklasse. Die Drecksarbeit musste dann schon der Zuseher erledigen. Von der Truppe aus Bergen aber wird ohne erkennbare Ironie oder Verfremdung ein Hochamt kommunistischer Methoden zelebriert, mit ein wenig Aktualität als Verbrämung per Video. So darf sich Milton Friedman über den Kapitalismus in Fernost auslassen, werden Schriften von Lenin und ein Buch von Max Weber eingeblendet. Das sind recht hübsche Einfälle, und auch das Bühnenbild, das auf dem Parkettboden die von Panzern umstellte chinesische Stadt Mukden symbolisiert, lässt nachdenken. Gerettet hat das den Abend aber nicht.
Das Skandalöse an dieser Aufführung ist die in ihrer Texttreue bis zur Selbstverleugnung als zustimmend zu wertende Wiedergabe der Brecht-Propaganda. In der „Maßnahme“ versuchen vier Agitatoren, sich vor einem Kontrollchor dafür zu rechtfertigen, dass sie einen engagierten jungen Genossen erschossen und in eine Kalkgrube geworfen haben. Sie spielen das vor. Er zeigte Mitleid mit den Armen, als die Partei das nicht wollte, er war impulsiv, als die Partei keinen Kampf gegen die Polizei riskierte, er war stolz, als die Partei mit den Kaufleuten klüngelte. Und er wiegelte zur Revolte auf, als die Partei es nicht für opportun hielt. Zwar meinte Lenin, dass klug nicht derjenige sei, der keine Fehler macht, sondern der, welcher es versteht, sie rasch zu korrigieren. Doch wer öfters fehlgeht oder bei wem bloß der Anschein des Fehlgehens entstand, den brachte die Partei dazu, dass er einsah, dass er liquidiert werden musste.
An Opfern mangelte es im Kommunismus nicht. Viele Millionen waren es im 20.Jahrhundert. Merke: Die Partei hat tausend Augen. Die Partei hat immer recht. Das wurde an diesem Abend im „republic“ vorgeführt. Das Urteil des Kontrollchores wirkte wie eine unheimliche Vorwegnahme des Stalin'schen Terrors, der Moskauer Prozesse ab 1936. Das Urteil dort war längst gesprochen, ehe Leute wie Bucharin vor den Richter traten. Es ging nur noch um das Geständnis, die bei Brecht thematisierte Einsicht des zum Tode Verurteilten, dass die Maßnahme richtig sei. Und nun alle im finalen Chor: „Wir sind einverstanden mit euch.“ Ein schwer nachzuvollziehendes, ärgerliches Spielchen in Salzburg.
YOUNG DIRECTORS PROJECT
■Das Festspiel-Programm für aktuelles Theater wird fortgesetzt mit „Fünf Tage im März“: Alltag in Japan, während die USA 2003 den Irak bombardieren? (14.–16.8.) Von 19.–21.8. folgt „Romeo und Julia“ vom US-„Nature Theatre of Oklahoma“: eine Art Quiz über die berühmte Lovestory.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2008)