INTERVIEW. 1988 eroberte Peter Seisenbacher in Seoul seine zweite Olympia-Goldmedaille. Er spricht über Erinnerungen, Kommerz und Österreichs Kinder, die keine Rolle vorwärts mehr schaffen.
Die Presse: Es sind zwanzig Jahre seit Ihrem finalen Olympia-Triumph vergangen. Welche Erinnerungen haben Sie heute noch daran? Ist es unvergesslich?
Peter Seisenbacher: Es war unglaublich! Aber man soll den Leistungssport bitte nicht überbewerten. Es gibt vieles mehr im Leben und mir sind die letzten 20 Jahre ohne Leistungssport wirklich nicht abgegangen. Es war ein schöner Moment, aber es schwingt jetzt keine Wehmut mehr mit. Die Zeit ist weitergegangen, wie man sieht, und mir ist nicht fad geworden.
Wie sehr haben sich die Olympischen Spiele seit damals verändert? Es dominiert doch nur noch der Kommerz.
Seisenbacher: Die Kommerzialisierung, die unter IOC-Präsident Samaranch begonnen hat, ist am Gipfel angelangt. Im Hintergrund ist es aber nicht mehr das IOC, das den Fahrplan macht, sondern Firmen wie Adidas, Nike, Coca Cola etc. Die machen die Spiele, die haben Olympia in die Neuzeit geholt. Das Image mit dem Weltfrieden und dem sauberen, friedlichen, freundlichen Athleten ist längst geplatzt. Es ist nur noch ein Business, mehr nicht. Olympia ist eine Freak-Show!
Was haben Ihre beiden Goldmedaillen bewirkt, wie viel ist davon noch spürbar, oder ist alles – wie so oft in Österreich – einfach verpufft?
Seisenbacher: Nach den Spielen damals ist es bei mir schon ein paar Jahre wirklich zugegangen, da war schon was los. Es gab aber auch Nachfolger, die ebenfalls Weltklasse waren. Patrick Reiter war so einer. Was wir aber schon gesehen haben, ist, dass wir in einem kommerziellen Umfeld mit Judo nicht wirklich reüssieren können. Es hängt nicht von uns oder den Medien ab, sondern der Natur des Sports.
Welche Eindrücke gewinnt man als Sportler, der auf der Matte und im Rampenlicht bei Olympia steht?
Seisenbacher: Natürlich bleibt das Lustige und Schöne in Erinnerung, auch die Schwierigkeiten und das Miese bleiben über. Man muss sich aber hüten, in der Vergangenheit zu leben, das sind vergangene Zeiten. Aber in Wahrheit geht es bei Olympia und Judo nur um eines: An diesem einzigen Tag muss alles passen, da geht es nur um das Hier und Jetzt. Da spürst du keine Schmerzen, kennst kein Kopfweh, nichts. Da gibt es nur diese paar Kämpfe, und dann ist vier Jahre lang nichts mehr.
Ist es politisch korrekt, dass die Spiele in China stattfinden angesichts der Probleme mit Menschenrechten und der Tibet-Krise?
Seisenbacher: Selbst das IOC ist offensichtlich nicht vor Fehlentscheidungen gefeit. Es ist an der Zeit, dass der konservative Verein seine Behäbigkeit ablegt. Beim Doping hatten sie ja auch jahrelang geschlafen – solche Dinge fallen dem IOC halt auf den Kopf.
In Peking sind Ludwig Paischer, Claudia Heill und Sabrina Filzmoser am Start. Was trauen Sie dem Trio zu?
Seisenbacher: Viel! Ich denke, wir haben das beste Team aller Zeiten bei Olympia. Es sind zwei regierende Europameister dabei, und Heill hat 2004 Silber gewonnen. Alle sind im besten Leistungsalter, haben Erfahrung gesammelt, und wenn die Form passt, auch das Quäntchen Glück, kann es jeder schaffen und den Medaillen-Wunsch des ÖOC erfüllen.
Der Medaillen-Wunsch ist aber nicht überzogen, oder?
Seisenbacher: Der Österreicher ist bei Sommerspielen mit ein, zwei Medaillen befriedigt, und die machen wir auch. Wir haben ein paar Leistungsträger, daher wird an dem ganzen Brimborium nichts geändert. Bei uns gibt es nur ein paar Narrische, die ihr Ding machen und gefördert werden. Österreich benützt einige Sportler als Feigenblatt.
Wie wichtig ist Judo? Für Kinder ist es enorm hilfreich in Bezug auf Koordination etc.
Seisenbacher: Judo ist mehr als nur ein Sport. Und in der Breite ist es enorm beliebt, in fast jeder Schule gibt es Kurse. Das Schlimme in Österreich ist, dass fast fünfzig Prozent aller Kinder, die von ihren Eltern im Klub abgeliefert werden, keine zwei Rollen vorwärts und rückwärts zusammenbringen, ohne dabei gleich zu schreien! Das ist erschreckend! Es wird noch schlimmer: Die Bewegungsspirale dreht sich weiter nach unten.
Ihr Verhältnis zum Verband war immer distanziert, von Kritik begleitet. Wie ist das Verhältnis heute?
Seisenbacher: Ich bin ein beinharter Kritiker und das tut manchen Leuten eben weh. Im Moment bin ich aber zufrieden. Beim nächsten Blödsinn wird sich der Seisenbacher aber sicher wieder melden!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2008)