Sport und Politik: Kleines, aber starkes Symbol

(c) EPA (Michael Reynolds)
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Während in der georgischen Heimat Bomben explodieren und Menschen sterben, versuchen 35 Athleten in Peking ihren Landsleuten mit sportlichen Leistungen zumindest leise Hoffnung zu machen.

PEKING. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat den kriegerischen Konflikt zwischen Georgien und Russland um Südossetien als „Verstoß gegen den olympischen Geist“ verurteilt. Die Schützinnen Natalia Paderina aus Russland und Nino Salukwadse aus Georgien haben diesen olympischen Geist eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die zwei Sportlerinnen haben am Sonntag ein symbolisches Friedenszeichen gesetzt und sich bei der olympischen Siegerehrung in Peking herzlich umarmt und geküsst.

Freundinnen, keine Gegner

Georgiens 35-köpfiges Team ist nach dem Okay von Georgiens Präsident Michail Saakaschwili in Peking geblieben, was Salukwadse erst die Chance auf Bronze mit der Luftpistole ermöglichte. Silber holte Paderina, mit der sie schon gemeinsam für die Sowjetunion am Start war. Nach ihrem letzten Schuss und Applaus von den Rängen brach Salukwadse in Tränen aus, mit dem Herzen ihrer russischen Kollegin wollte sie danach ein Zeichen setzen. „Wir sind wirklich Freundinnen und wollen nicht in politische Dinge gezogen werden. Sport ist nicht Politik“, sagte sie.

„Wenn die Welt aus meinem Verhalten Lehren zieht, würde es nie wieder Krieg geben“, so Salukwadse weiter. „Wir leben im 21. Jahrhundert, wir sollten uns nicht gegenseitig bekriegen. Zwischen Sportlern und Völkern soll es keinen Hass geben“, meinte sie und appellierte an die Politiker. „Die Politiker sollten die Situation heute klären und wenn sie es nicht machen, sollten wir involviert werden“, erklärte sie.

Plagende Ungewissheit

Der Judoka Nestor Khergiani ist verzweifelt. Er läuft nach der entscheidenden Niederlage im USTB Gymnasium von Peking auf und ab. Der 33-jährige Georgier weint, schreit und stampft mit den Füßen auf den Boden. Er wirkt ratlos, doch es ist nicht nur die sportliche Enttäuschung, die ihn plagt. Vielmehr dreht sich alles in seinem Kopf um seine Frau, die er seit mehreren Stunden nicht mehr erreichen kann, weil alle Leitungen nach Tiflis unterbrochen sind. Fünf Stunden vor Beginn der Eröffnungsfeier, sagt Khergiani leise in gebrochenem Deutsch, hatte der Angriff der Russen in Südossetien begonnen. „Ein Ende ist nicht in Sicht!“

Wer in einer Krisenregion lebt und Familie, Freunde und Angehörige dort hat, der denkt nicht an Sport. Dabei, das wirft sein Trainer Chota Kharabereli ein, „ist das hier unsere einzige Chance, um unseren Landsleuten zu helfen. Wir müssen gewinnen, um der Welt zu zeigen, dass es uns gibt.“ Ansonst würde es niemand merken, es würde niemanden stören, wenn Russland über Georgien hinweg marschiert. Über Gefühle, Ängste oder gar die Schuldfrage wollen weder der Sportler noch sein Trainer sprechen. Da gehen die Meinungen doch zu weit auseinander. Doch wenn Kampfjets angreifen, Bomben abgeworfen werden und Menschen erschossen werden, bestimmt nur noch heillose Panik die Gedanken. Es sei sei eine „furchtbare, eine sehr schlimme Situation“, sagt Kharabereli, „es ist eine harte Zeit.“ Und dann bricht aus ihm doch der Zorn. Er spricht von einer „russischen Provokation“ und dem Wunsch, am liebsten daheim zu sein.

Aber auch diese Vision wird ihm von einem Kameramann, der für die „Presse“ als Dolmetsch agiert, schnell genommen. „Chota“, sagt Zurab Usupashvili, der für das georgische Staats-TV arbeitet, „wir wissen doch nicht einmal, wann und wie wir nach Hause kommen. Die Flüge wurden alle gestrichen!“

Angst um die Familien

Seinem Gegenüber schläft endgültig das Gesicht ein, ein starker Mann beginnt plötzlich zu weinen. Er umarmt seinen Athleten, der orientierungslos wirkt und auch zu weinen beginnt. „Wir haben Angst um meine Familie, ich habe eine Tochter“, erklärt Usupashvili, der jedoch nicht sagen konnte, wie es nun in seiner Heimat weitergehen werde. Derzeit laufe auf allen Kanälen, „die noch offen sind“, entweder Krieg oder Sport. Den Inhalt der Nachrichten von China aus zu steuern, und zwar mit „positiven News“, das wäre jetzt sein größter Wunsch. Vor allem, nachdem er gesehen hatte, dass Wladimir Putin „seelenruhig auf der Tribüne des Olympiastadions gesessen ist, während sein Land meines angegriffen hat. Und viele Menschen starben.“ Sein letztes Wort ist von leeren Blicken begleitet: „Warum?“

AUF EINEN BLICK

Georgiens Team in Peking
Seit 1993 wird Georgien als Nationales Komitee im IOC geführt, an der Spitze der Delegation steht Emzar Zenaiswhvili. Bei den Spielen 1996 gab die Nation ihr Olympia-Debüt und gewann bislang zwölf Medaillen. Top-Sportarten in Georgien sind Judo, Gewichtheben, Boxen und Ringen. In diesen Disziplinen starten in Peking 35 Athleten.

In Athen 2004 feierte das Land erstmals seine eigenen Olympioniken. Judoka Zurab Zviadauri war der erste Georgier, der für sein Land offiziell den Titel gewann. Sieben Gold-Medaillen hatte sich zuvor die UdSSR an die Brust geheftet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2008)

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