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Blasim: „Wir Iraker sind ja nicht vom Mars“

(C) Bohm
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Hassan Blasim ist einer der interessantesten heutigen arabischen Schriftsteller. Der „Presse“ erzählte er von seiner Flucht vor Saddam Hussein und der Liebe zur Literatur.

Als die Häscher des Baath-Regimes erklärten, sie würden ihn „nach Sonnenuntergang bedienen“, wusste Hassan Blasim, dass er den Irak verlassen musste. Jemanden nach Sonnenuntergang bedienen: so umschrieben Saddam Husseins Mörder ihre Todesurteile gegen Regierungskritiker, Intellektuelle, politisch Unerwünschte. Blasim hatte sich seit Studienzeiten beim Regime unbeliebt gemacht, weil er Dokumentarfilme über die soziale Not in Saddams Irak drehte. „Die Baath-Partei begann früh, mir das Leben schwer zu machen. Sie fragten mich: Wieso machst du Filme über arme Leute im Irak? So etwas tut man nicht“, erzählt der heute 41-jährige Blasim im Gespräch mit der „Presse“.

Die Todesdrohung an jenem Tag im Jahr 1998 macht Blasim noch vorsichtiger, als er er schon gewesen war. Er veröffentlichte seine Filme von nun an unter einem kurdischen Pseudonym, zog nach Sulaymaniya in der Hoffnung, dass die Klauen des Diktators fern der Hauptstadt weniger rasch zupacken würden. Doch auch dort wurde es rasch zu gefährlich für Saddams Kritiker wie ihn. Über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn floh Blasim nach Finnland, wo er nach vier Jahren der Irrfahrten 2004 Asyl fand. Dort ist auch sein Sohn geboren.

 

Wie man das Grauen schildert

In Finnland fand Blasim die Ruhe, um zu einer der stärksten Stimmen der zeitgenössischen arabischen Literatur zu werden. Seine Kurzgeschichtensammlung „The Iraqi Christ“ gewann heuer den „Foreign Fiction Prize“ der britischen Tageszeitung „The Independent“: In den 24 Jahren ihres Bestehens hat noch kein arabischer Schriftsteller diese Auszeichnung erhalten, die unter anderem an Milan Kundera und W. G. Sebald vergeben worden ist.

Wer „The Iraqi Christ“ (beim britischen Kleinverlag Comma Press erschienen, im Herbst 2015 bringt der Verlag Antje Kunstmann die deutsche Gesamtausgabe heraus) liest oder die heuer bei Penguin Books erschienene Auswahl „The Corpse Exhibition and Other Stories of Iraq“, der wird von der ersten Zeile weg in eine albtraumhafte Welt gezogen, die in knapper, eleganter Sprache das Grauen schildert, mit dem die Iraker täglich zu ringen haben. Der Anführer einer ebenso sadistischen wie ästhetisch anspruchsvollen Mörderbande erklärt, wie man Leichen wirkungsvoll an öffentlichen Orten drapiert; ein Auftragskiller verbringt die langweilige Wartezeit bis zum Tag des Anschlags in einer Bagdader Villa damit, ein Kaninchen zu pflegen, in dessen Käfig er eines Tages ein Ei findet; ein Veteran des Iran-Irak-Krieges eignet sich die Kurzgeschichten eines gefallenen Soldaten an und steigt zu literarischem Ruhm auf, bis plötzlich neue Texte des seit Langem Toten eintreffen; ein irakischer Flüchtling wacht eines Tages in Helsinki auf und wird ein dauerhaftes Grinsen nicht mehr los.

Diese Geschichten schildern das Grauen, aber sie tun es, ohne voyeuristischen Neigungen nachzugeben. Immer wieder blitzt die Hoffnung durch, dass ein anständiger Mensch hier doch für seinen Mut und seine Gerechtigkeit belohnt wird. Manchmal ist das so; meist aber stehen die Figuren in Blasims Geschichten ihrem Schicksal recht hilflos gegenüber.

Blasim ist weder Nihilist, noch glaubt er daran, dass der Mensch dem, was ihm das Leben zufügt, nichts entgegenhalten kann. „Wie kann ich mein Privatleben mit meinem Bewusstsein in Einklang bringen, dass vor meinen Augen eine Welt zu Bruch geht?“, zitiert er in „The Iraqi Christ“ den schwedischen Filmemacher Ingmar Bergman. Wie beantwortet er selbst diese Frage? „Schwer zu sagen“, meint Blasim. „Sie erinnert mich aber daran, dass wir uns in diesem kurzen Leben selbst finden müssen.“

Die Suche nach der eigenen Identität ist für Iraker nach Jahrzehnten der Gewalt und des Erstarkens religiösen Sektierertums seit der amerikanischen Besatzung besonders schmerzhaft. Blasim ist ratlos, wieso sein Land es nicht schafft, sich mit sich selbst zu versöhnen. „Wir Iraker sind ja nicht vom Mars auf die Erde gekommen. Wieso schauen wir uns nicht an, wie das die Menschen in Nordirland oder Südafrika gemacht haben?“

 

Die Angst der arabische Zensoren

Wenn man Blasim fragt, ob man als Orientale im frostigen Finnland nicht ab und zu Kulturschocks erleidet, muss er lachen: „Ich habe in Europa noch nie einen Kulturschock erlitten. Schließlich habe ich mein ganzes Leben lang europäische Literatur gelesen.“ Der Vergleich mit Edgar Allan Poe ehrt ihn, er fühlt sich aber auch bei Kafka, den großen Russen und dem Chilenen Roberto Bolaño heimisch. Überhaupt werde die südamerikanische Literatur im arabischen Raum hoch geschätzt. „Borges, Fuentes, Márquez: Ich denke, wir fühlen, dass diese Kultur uns nahe sind. Sie haben auch Diktaturen und arme Leute, die um ihre Rechte kämpfen.“

Auf Arabisch ist Blasims Literatur nicht frei erhältlich. Eine schwer zensierte Version erschien im Jahr 2012 und wurde sofort in Jordanien und zahlreichen anderen arabischen Ländern verboten. Wieso das? „Sie finden, dass ich die heilige Sprache des Koran beschmutze“, sagt Blasim.

Zumindest möchte er „The Iraqi Christ“ als frei verfügbares E-Book im Internet veröffentlichen. „Literatur ist ein großartiges Mittel, um die Welt kennenzulernen. Würden die Amerikaner mehr irakische Literatur lesen, würden sie sehen, dass nicht alle Iraker Anhänger des Islamischen Staates oder von Saddam Hussein sind.“

ZUR PERSON

Hassan Blasim (*1973, Bagdad) floh 2000 aus dem Irak, wo er wegen seiner sozialkritischen Dokumentarfilme vom Regime Saddam Husseins mit der Ermordung bedroht wurde. Nach vierjähriger Odyssee erhielt er 2004 in Finnland Asyl. Seine Kurzgeschichten sind beim britischen Verlag Comma Press und bei Penguin Books erschienen, im Herbst 2015 bringt der Verlag Antje Kunstmann das bisherige Gesamtwerk auf Deutsch heraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2014)