Theater an der Wien: Kein Zauber, keine Flöte

Zauberflöte
Zauberflöte(c) Theater an der Wien
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Achim Freyer entstellt Mozarts Singspiel bis zur Unkenntlichkeit. Gesungen wird ernsthaft.

Das am schwersten lösbare Rätsel dieser enigmatischen Aufführung steht am Pult und heißt Jean-Christophe Spinosi. Der Dirigent agiert mit riesenhaften, heftigen Bewegungen, als gelte es, Bruckners Achte ihren Höhepunkten zuzutreiben. Die Wiener Symphoniker spielen daher weniger unter Spinosis Leitung als sozusagen unter seinen Bewegungen hindurch Mozarts „Zauberflöte“.

Sie tun das professionell. Zwar erklingt hier ein Fagott-, dort ein Kontrabasston vor der Zeit, doch verläuft die Aufführung leidlich präzis. Wirkliche Interferenzen gibt es nur dort, wo der Kapellmeister klare Auftakte geben müsste, was Spinosi nicht einmal dort tut, wo er, die linke Hand an der Brüstung, Carlos Kleiber imitiert.

Ein melancholischer Papageno

Von klanglichem Raffinement, das Mozarts feinsinnige Instrumentationskunst immerhin anregen könnte, ist unter diesen Umständen selbstverständlich nichts zu bemerken. Man wird rechtzeitig fertig, nicht immer, aber erstaunlich oft auch in Koordination mit den Sängern auf der Bühne, mit denen man offenbar einige der merkwürdigsten Temporückungen abgesprochen hat. Wo sich sogar der Dirigent an diese erinnert, werden Ahnungen wach, es könnte sich hier doch jemand Gedanken über musikalische Interpretation gemacht haben.

Diese führen oft weit weg vom vertrauten „Zauberflöten“-Pfad bis hin zu einer melancholischen Darstellung des Papageno, dessen Lieder Jonathan Lemalu mit der Beschwernis des „Fliegenden Holländer“-Monologs ausstattet. Dermaßen zähflüssig haben sich die komödiantischen Passagen des Werks kaum je ausgenommen.

Die vollständige Entzauberung

Regisseur Achim Freyer hat es anscheinend darauf angelegt, der „Zauberflöte“ jeglichen Singspielgeist auszutreiben und die Figuren vollständig zu entzaubern. Aus der utopischen Apotheose des Vereinigungsgedankens unter dem Motto „Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit“ wird ein resignatives Endspiel: Die Priester, alte, vertrottelte Gecken, gehen mit ihrem blasierten Häuptling so sang- und beinahe klanglos unter wie die Königin der Nacht. Ruinen bleiben. Der ungewohnt undiszipliniert klingende Schönberg-Chor singt das Finale aus dem Off.

Zu solch hoffnungslosem Ende bedarf's der magischen Zauberdinge nicht mehr, die Emanuel Schikaneder seinen Protagonisten einst mit auf den Weg gab: Bei Freyer hat Tamino keine Zauberflöte, und Papageno schiebt seinen allzu schweren Glockenkoffer gleich wieder ins Orchester zurück. Keine Illusionen, nur noch Erinnerung, allerlei theaterhistorisches Zitatenwerk, vor allem aber Déjà-vu-Erlebnisse aus früheren Freyer-Spektakeln, deren knalligen Grundfarbendekors diesmal allerdings die fantasievolle Beleuchtung verweigert wird. Sie scheinen fahl, ausgeleiert die Marionettenmechanismen, von Erinnerungslücken gebremst die Commedia-dell'arte-Aktionismen, als wollte ein Vorstadttheater-Ensemble seligen Angedenkens noch einmal versuchen, eine einstige Erfolgsproduktion nachzustellen: Wie war das noch mit der „Zauberflöte“?

Manche Sänger tun, als ob in diesem Umfeld sehr ernsthafte Beiträge zum Thema Mozart-Interpretation möglich wären, Diana Damrau vor allem, die von einer guten Königin der Nacht zu einer exzeptionellen Pamina zu werden verspricht. Sie singt die g-Moll-Arie nicht nur makellos, sondern webt hoch sensibel in manche Phrase noch fragile Botschaften aus jener ahnungsvollen, metaphysische Dimension, die der Szenerie diesmal so völlig abgeht.

In Shawn Mathey hat Damrau einen hellstimmigen, schlank phrasierenden Tamino zur Seite, der auch die heikelsten Passagen im ersten Finale und in der Szene mit den Geharnischten (untadelig: Oliver Ringehahn/Michael Dries) mühelos bewältigt: Mögen Feuer- und Wasserprobe in dieser Inszenierung auch unsichtbar bleiben, die Mozart‘schen Prüfungen bewältigt dieses Paar bejubelnswert. Georg Zeppenfeld als salbungsvoll tönender, nur in der Tiefe ein wenig schwächelnder Sarastro, Sen Guo als vor allem in der Rachearie sichere und expressive Königin, Markus Butter als weihevoller Sprecher, Karl-Michael Ebner als auch vokal wendiger Monostatos und Gabriela Bone als herbfrische Papagena, sie alle, auch die Damen und die Knaben, sorgen für das vokal feine Niveau dieser Aufführung.

Jetzt muss sich das Theater an der Wien nur noch um eine Inszenierung sorgen, die an die längst unterbrochene wienerische, also sozusagen natürliche Aufführungstradition dieses Stücks anschließt. Immerhin war Schikaneder, Librettist und erster Papageno, auch Bauherr des Hauses. Ist das nicht so etwas wie ein Auftrag?

„Die Zauberflöte“ im Theater an der Wien: 12., 14., 17. und 19.August, 19Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2008)

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