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Der kaukasische Fünf-Tage-Krieg

Nichts gelernt aus der Geschichte: Das Ringen zwischen Tiflis und Moskau hinterlässt letztlich nur Verlierer.

Langsam verzieht sich der Pulverdampf am Kaukasus. Und bald erfahren wir hoffentlich, was sich dort tatsächlich abgespielt hat. Dieser Fünf-Tage-Krieg war nicht nur eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Georgiern auf der einen, Russen und Osseten auf der anderen Seite, er war auch ein hochgradiger Propagandakrieg, der über Internet, Fernsehen und andere Medien geführt wurde. Und er hat die uralte Weisheit aufs Neue bestätigt, dass das erste Opfer des Krieges immer die Wahrheit ist. Aber vielleicht kommt, wenn denn die Waffen schweigen, die Wahrheit unter den Trümmern der zerstörten Städte und Dörfer doch noch ans Licht.

Es gibt noch zwei weitere Weisheiten die einem in den Sinn kommen, wenn man diesen dummen Fünf-Tage-Krieg betrachtet. Erstens, dass die Menschen nie aus der Geschichte lernen. Zweitens, dass es in einem Krieg letztlich immer nur Verlierer gibt. Und die größten Verlierer sind immer die Zivilisten – Kinder, Frauen, Alte. Alle wissen das, und trotzdem werden ständig Kriege geführt – eben weil die Menschen aus der Geschichte nichts lernen.

Wie viele Tote der vom georgischen Heißsporn Michail Saakaschwili losgetretene Krieg wirklich gekostet hat, wissen wir nicht. Russland spricht von 2000 Opfern des georgischen Angriffs in Südossetien, sagt aber wenig Konkretes über die eigenen Kriegsverluste. Keine zuverlässigen Angaben gibt es auch zu den georgischen Verlusten, zivilen wie militärischen. Immerhin kann man davon ausgehen, dass die von der UNO genannte Zahl von rund 100.000 Flüchtlingen (über 40.000 ossetische, rund georgische 56.000 Flüchtlinge) zutreffen dürfte. Über die zerstörte Infrastruktur im Kriegsgebiet gibt es noch keine Bestandsaufnahme, über die in den fünf Tagen zerstörten Seelen wird es wie in jedem Krieg ohnedies nie eine geben.

Zweiter großer Verlierer sind Georgien und sein Präsident. Saakaschwilis ehrgeiziges Ziel, sein Land in die Nato und in die EU zu führen, hat er mit seinem Angriffsbefehl auf Zchinwali selbst für lange, lange Zeit begraben. Noch stehen seine Landsleute hinter ihm, weil im Moment der Hass auf Russland schwerer wiegt als alles andere. Aber die Georgier werden allmählich ernüchtert erkennen, wer ihnen dieses Schlamassel eingebrockt hat. Und zwar spätestens dann, wenn die Kriegskosten zum Tragen kommen und die westlichen Investitionen spärlicher fließen werden, weil Georgien und sein Präsident als Hochrisiko eingestuft werden.

Russland ist eindeutig der militärische Gewinner dieses Waffengangs, aber das war von Anfang klar. Einzig Saakaschwili hat offenbar geglaubt, dass er eine der nach wie vor stärksten Militärmächte der Welt provozieren und danach ungeschoren davonkommen könne. Das war mehr als eine Fehlkalkulation, das war eine abgrundtiefe Dummheit. Freilich, außenpolitisch gehört auch Russland zu den Verlierern dieses Fünf-Tage-Krieges.

Denn Moskau hat allen in der Welt die Augen geöffnet für sein unheimliches Treiben im post-sowjetischen Raum, seine Erpressung anderer souveräner Staaten via Einflussnahme auf abtrünnige Gebiete und Einsetzung halbkrimineller Geheimdienstler-Regime. Selbstverständlich begann der Krieg nicht am vergangenen Freitag, sondern er hat eine lange Vorgeschichte der Provokationen und Gegenprovokationen. Russland hat auch gezeigt, mit welch exzessiver und rücksichtsloser Gewalt es gegen einen kleinen, unliebsamen Nachbarn losschlägt, wenn der ihn reizt. Rache ist immer ein schlechter militärischer Ratgeber – und Russen ebenso wie Georgier waren in diesem Krieg von Rache geleitet.

Die russische Diplomatie wird es noch unangenehm zu spüren bekommen, welchen Schrecken die militärische Kraftmeierei der letzten Tage anderen Ländern eingejagt hat. Geht der neue russische Präsident Dmitrij Medwedjew nicht gerade mit der Idee einer gesamteuropäischen Konferenz hausieren, bei der die Sicherheitsarchitektur des Kontinents neu entworfen werden soll – sprich: die Nato und die OSZE obsolet gemacht und die transatlantischen Bande gekappt werden sollen? Nach dem Geschehen der vergangenen Tage verspürt Europa bestimmt noch weniger Lust als bisher auf eine von Moskau dominierte Sicherheitsstruktur.

Verlierer dieses Krieges sind aber auch die USA und die EU: die USA, weil sie ihren Schützling Saakaschwili offenbar nicht von blutigen Abenteuern abhalten konnten. Und die EU, weil sie erneut gezeigt hat, wie machtlos sie dem Geschehen in ihrer Nachbarschaft gegenübersteht.

Der Kaukasus-Krieg Seiten 1 bis 3


burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2008)