See privé: Der Attersee in Bildern

Attersee
Attersee(c) Toursimusverband Attersee
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An seinen Ufern stehen mehr Villen als Hotels im ganzen Salzkammergut. Und auch sonst ist der Attersee alles andere als typisch. Ein Buch erklärt jetzt, warum.

Man stelle sich diese Szene anno 1917 einmal vor: Ein Mann in Kaftan fährt eine Frau in Kaftan mit dem Ruderboot spazieren. Einfach nur so. Weil das Wetter schön ist, das Wasser türkis glitzert und weil die Dame im floralen Jugendstiltextil ein blendendes Fotomotiv abgibt.

Was werden die Ur-Atterseer wohl über Gustav Klimt und Emilie Flöge, den Maler und sein Modell, getuschelt, wenn nicht gelacht haben. Wie überhaupt über die Städter, die sogenannten Herrschaften, oder weniger kniefällig bezeichnet: die „Wiener“, die sommers regelmäßig an den Attersee reisten. Wo diese ersten Sommerfrischler dann schwimmen und segeln gingen, freiwillig einfache Dirndlkleider und Lederhosen anzogen, eine Villa nach der anderen ans Ufer oder auf eine steile Leit’n stellten. Wenn man bedenkt, dass heute allein an die 130 Objekte aus der Zeit von 1880 bis 1910 in nächster Nähe zum See stehen, ergibt sich aus der Geschichte ihrer zeitweiligen Bewohner ein plastisches Gesellschaftsbild des großbürgerlichen Wiens (auch Linz) der Vorkriegszeit. Ein Gespann aus Architekten, Kulturwissenschaftern und Landschaftsplanern hat dieses Panoptikum jetzt beschrieben.

Die Autoren-Riege des neuen Pracht-Bandes „Der Attersee“ erfassen diese „Kultur einer Sommerfrische“ in all ihren Facetten – von der Verkehrserschließung bis zur Kleiderordnung auf Basis genauester Recherche, mit Charme und erstaunlichem Materialeinsatz, manchmal sparen sie dabei auch nicht an kritischen Untertönen.
Eine liberale Gesellschaft war das, die ab 1870 die Vorhut am Attersee bildete, ein künstlerisches Klima erzeugte und das Kapital in den eigenen Kreisen hielt, indem man sich eng vernetzte: mit Sommerfesten, im Yachtclub – damals war Segeln noch ein sehr exklusiver Sport. Bis mit dem Anschluss 1938 dieses Gesellschaftsleben und der offene Geist zerstört beziehungsweise unterbrochen wurde. Nur wenige Namen der Bauten sind heute ident mit den aktuellen Besitzern.

Inspirierend.
Wer war nicht aller da: Gustav Mahler und Johannes Brahms kamen zum Komponieren, Gustav Klimt zum Malen, Theodor Herzl zum Denken, Industrielle, Banker und Erfinder zum Austausch. Die Damen der Wiener Gesellschaft, die perfekte Gastgeberinnen waren. Jüdische Familien, die, wenn sie Glück hatten, noch rechtzeitig emigrieren konnten, Namen, die der allgemeinen Nachkriegsamnesie zum Opfer fielen. Auch das ist eine Leistung des „Attersee“-Bandes, diese komplizierten Familien- und Liegenschaftsgeschichten nicht versickern zu lassen, bis es niemanden mehr gibt, der sich an frühere Verhältnisse erinnern könnte. Elisabeth Eichmann konnte, erzählt der Architekt, Autor und Herausgeber Erich Bernard, und motivierte die Autoren auch, weiterhin Pläne, Bilder, Fakten zusammenzutragen. Die Villa Eichmann in Litzlberg – laut Bernard eigentlich ein Landhaus – gehört zu den interessantesten Bauten am See. Clemens Holzmeister hat sie erbaut. Ein Bau von noch größerer internationaler Relevanz sei der von Ernst A. Plischke: Das im Hang liegende Haus Gamerith
ist Österreichs überragender Beitrag zum International Style der Dreißigerjahre.

Eingeschworen. Der Hang zum Understatement ist dem Attersee geblieben, er ist angenehm frei von Szene-Schick und demonstrativ zur Schau gestelltem Kapital. Man hat den Eindruck, Urlaub am Attersee sei Privatsache. So quartiert man sich auch heute in überschaubarerem Rahmen ein: in Pensionen, in Appartements, in wenigen großen Häusern wie dem Hotel Post. Oder eben privat, weil man jemanden kennt, der jemanden kennt, der ein Haus am Attersee hat.

Dass der Attersee eben so privat, bei all seiner Schönheit und Sportlichkeit nie wie ein sehr touristisches Ziel wirkte, erklärt Judith Eiblmayr, ebenfalls Architektin, Autorin und Mit-Initiatorin des Buchprojektes, aus der Geschichte seiner Besiedlung. Die Aristokratie schottete sich mehr oder weniger bewusst in Bad Ischl ab, um das Kaiser Franz Joseph einen regelrechten Kult trieb (Ort der Zeugung, Jagdrevier, Sisi). Außerdem war Ischl, und damit der Wolfgang- und der Traunsee, früher per Bahn erschlossen als der Attersee.

Bevor in einer ersten Welle des Fremdenverkehrs Hotels und großartige gastronomische Infrastruktur überhaupt Wurzeln schlagen konnten, hatten sie die Zweitwohnsitzler mit ihrem Bauboom bereits überholt. 100 Jahre später dreht sich die Spirale weiter, laut Eiblmayr prägt jetzt die „Pendlerblase“ das Bild: Kleinstädter schlagen hier ihren Erstwohnsitz auf – das bedeute zunehmende Suburbanisierung.

„Der Stadtmensch hat dem Landmenschen einfach die Villa als ein Stück Stadt vor die Nase gesetzt, meist ohne sich mit dem Ort weiter auseinanderzusetzen“, schreibt Erich Bernard in seiner Analyse der Attersee-Architektur. Es ist heute ein nostalgisch-verklärter Blick, der den Laien diese Tatsache übersehen lässt. Der angestammten Bevölkerung müssen die baulichen Umtriebigkeiten der Gäste nicht immer behagt haben, auch wenn sie – ein wenig – profitierten. Heute dürften ihnen die Tränen kommen, wenn sie den gegenwärtigen Wert der so günstig verkauften Parzellen erfahren würden.

Sauer. Aber damals hieß es nur: weg mit den „sauren Wiesen“. Vielleicht waren die Flächen direkt am Ufer landwirtschaftlich nicht besonders tauglich, doch die potenziellen Zweitwohnsitzler waren ganz scharf darauf. Immerhin: Für die Nachwelt gibt es am Attersee ja einige schöne Strandbäder (mit sensationellem Sprungturm, siehe Bild), Segelclubs und schmale Stellen zum wilden Baden. Sofern man einen nahen Parkplatz ergattert.

Noch heute könne man den an den Bauten ablesen, welche Haltung die reichen Gäste und die Ur-Atterseer zum See hatten. Wenn man sich wundere, warum Bauernhäuser dem Gewässer den Rücken zeigen, dann liege das an der Wetterseite und daran, dass mit dem See auch Feuchtigkeit daherkam, erklärt Eiblmayr. Die (meisten) Bauern konnten auch nicht schwimmen, Wassersport war ein Vergnügen für die Gäste.

Für namhafte Architekten bot sich hier die Möglichkeit, sich richtig auszutoben, für den Urlauber ist das Ergebnis eine echte Augenweide: wunderbare Wassereinbauten, schlossartige Anwesen, exklusive Einzellagen. Allein sieben Stile macht Erich Bernard bei den Villen fest, und wenn man die Objekte genauer betrachtet, sind die Unterschiede auch eklatant. Nach 1900 brach zum Beispiel eine Türmchen-Mode aus – die Villa mit Schlossattitüde. Was heute das Tiroler Haus ist, war damals das Schweizer Haus – ein romantisch-volkstümliches Zitat. Historismus und Jugendstil haben sich an Fassaden breitgemacht und veranlassten Adolf Loos dazu, nicht nur über die selbstreferenzielle Deko, sondern auch über die gestörte Raumordnung zu ätzen. Damals also schon.

Verregnet. Architektur war der Auslöser dieses Buches, aus dem schließlich sehr viel mehr geworden ist als ein Band mit interessanten Bau-Geschichten. Gexi Tostmann schreibt darin etwa über die damals innovative Kraft des Dirndls und über Bademode, Barbara Rosenegger-Bernard lässt ein Schlaglicht auf das Gesellschaftliche fallen, Elisabeth Zimmermann und Astrid Göttche zeigen die wuchernde „Gartenkunst am Wasser“. Doch die eigentliche Ausgangsfrage war die: „Was bringt viele Städter dazu, seit nahezu 150 Jahren so zahlreich und begeistert ihre Sommerfrische an einem Ort zu verbringen, an dem es mehr regnet als in den meisten Gegenden sonst in Österreich?“ Die Antwort hat 250 überzeugende Seiten. Zumindest.

Das Buch zum See
Der Attersee. Die Kultur der Sommerfrische. Hrsg. v. Erich Bernard, Judith Eiblmayr, Barbara Rosenegger-Bernard und Elisabeth Zimmermann. Zahlreiche Autoren beleuchten das Phänomen in allen Facetten. Plus Ortsportraits und konkreten Freizeit- und Lokaltipps. Christian Brandstätter Verlag


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