Passform geht vor Farbe, runde Krägen machen hilflos und gute Stücke satt. Um Reflexion über Mode kommt man nicht herum, wenn man seine Garderobe verbessern will, erklärt Stilexpertin Silke Frink.
Dieser Tage kommen die Herbst/Winter-Kollektionen in die Geschäfte. Damit der erste Kaufrausch nicht in Kleiderkastenhütern endet, sondern die erstandenen Stücke vielmehr die Garderobe sinnvoll ergänzen, sollte man einige Dinge beherzigen und sich Gedanken über seine Wünsche und Ansprüche machen. Das „Schaufenster“ hat mit Silke Frink, Expertin für Modekonzepte und, gewissermaßen, Shoppinghygiene gesprochen. Frink selbst nennt sich lieber Imagedramaturgin, das Wort Stilberaterin hört sie nicht besonders gern, „das klingt so nach Farbkarte“. Die gelernte Friseurin und Visagistin berät Politikerinnen und Fernsehmoderatoren, die auf Bildschirmkompetenz aus sind, genauso wie Managerinnen, die wissen wollen, welche Farben bei Verhandlungen tabu sind. Und sie hat ein Buch über Businessmode für Frauen geschrieben. Gleich vorweg: Nicht alles kann man lernen.
Gewachsen, nicht gemacht. So wichtig in ihren Augen kritische Reflexion und Beratung in Sachen Mode auch sind, übertreiben dürfe man nicht: „Es geht nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht darum, zu erkennen, dass es verschiedene Situationen und Phasen im Leben gibt, die man jeweils mit dem richtigen Outfit angehen muss.“ Und: „Es soll gewachsen aussehen, nicht gemacht.“
Für eine Modeberatung leuchtet Frink zunächst den Kleiderschrank grell aus. Und sieht dann schon einiges, meint sie. „Mode sagt ja sehr viel aus, wie Frauen sein wollen, nicht, wie sie sind.“ Den Grundstein für ein Styling mit Konzept müsse man legen, indem man Dinge kauft, die unspektakulär sind, die nicht selber in den Vordergrund treten, sondern die Trägerin in den Vordergrund rücken. Das sei, sagt Silke Frink, nur ein Schritt im Kopf. „Frauen stehen dann vor dem Kleiderkasten und fragen, ,aber ist das nicht zu langweilig?‘“ Sie ortet generell eine große Sorge, belanglos zu sein, als Persönlichkeit nicht wahrgenommen zu werden. „Viele Frauen suchen den Thrill im Outfit und nicht in sich selbst.“
Graumodulationen. In Silke Frinks Augen wurzelt das, was man gemeinhin guten Stil nennt, einerseits im Detail, andererseits in der Dosierung. Ausführlich analysiert sie im Gespräch runde und weniger runde Kragenformen, die eine Frau defensiv oder selbstbewusst wirken lassen – „man darf nicht aussehen wie eine Anziehpuppe, der man am liebsten etwas drüberhängen würde“. Wortreich beschreibt sie Hell-Dunkel-Kontraste, optimale Passformen und Graumodulationen, wenngleich sie im selben Atemzug zugibt, dass sie in der Arbeit mit Farben immer wieder an ihre Grenzen stößt. „Irgendwann kann man die Nuancen nicht mehr mit Worten beschreiben, da bleibt nichts übrig, als Stoffmuster zu zeigen.“ Knallfarben, das wird schnell klar, sind ihre Sache nicht, ebenso wenig wie auffällige Schnitte. „Auffällig gut“ dürften sie allerdings schon sein. Man registriere ein gutes Outfit vielleicht nicht im Detail, sehr wohl aber in der Silhouette, sagt Frink.
Schnitt vor Farbe. In Europa gelte die ungeschriebene Regel, je wichtiger der Anlass, desto mehr raus mit der Farbe, sagt sie. Anders in den USA: „Dort hat man zu starken Farben eine andere Einstellung, eine gelbe Krawatte gilt als Kampfansage.“ Hier sei sie bestenfalls komisch. Mode braucht eben immer Konsens. Wenn man als einzige etwas trägt, kann etwas nicht stimmen, wenn es alle tragen, ist es auch falsch, meint die Stilexpertin. Primär ist für sie die Passform, Farbe werde überbewertet. Wenn man sich also für die Herbstsaison ein wirklich langlebiges Stück kaufen will, sollte man vor allem darauf achten, dass die Form stimmt: optimaler Schnitt plus richtige Größe und gutes Material. Farbpässe hält sie auch deswegen für unnötig, weil sie leicht zu einem schlecht sitzenden Kleidungsstück verleiten: „Man glaubt, dieses oder jenes Violett müsste man unbedingt haben, kauft aber dann den falschen Schnitt.“ Ganz außen vor lassen dürfe man die Farbe freilich auch nicht. „Man kann keine Farbe tragen, die einen völlig darniederreißt, und sagen, die sitzt aber so schön.“ Wie man erkennt, dass man das richtige Stück gekauft hat? „Wenn man feststellt, man ist satt.“
Der feminine Stil
Businessmode für Frauen. Von Silke Frink, erschienen bei Haufe.
20,40 Euro