Der Amerikaner Michael Phelps krönte sich mit elf Gold-Medaillen zum erfolgreichsten Sportler aller Zeiten. Ihm selbst blieb dabei die Spucke weg.
PEKING. Wenn sogar ein Millionen-Star wie Kobe Bryant mit Gänsehaut im Aquatics Center steht und einem Kollegen minutenlang applaudiert, muss es sich tatsächlich um ein Ausnahmetalent handeln. Und beileibe, der Amerikaner Michael Phelps ist in diesen Tagen der von allen gefeierte Mann. Der 23-jährige Schwimm-Star sicherte sich beim fünften Start bei den Spielen in Peking zum fünften Mal in Weltrekordzeit die Goldmedaille. Er hält damit bei insgesamt elf Siegen und übertrumpfte die Leichtathletik-Legenden Paavo Nurmi (Fin) und Carl Lewis (USA), die Turnerin Larisa Latynina (Rus) und seinen Kollegen Mark Spitz (USA), die in ihrer Karriere jeweils neunmal Gold gewonnen haben.
Der König von Olympia ist er bereits, nun will er noch viermal gewinnen und den Spitz-Rekord von 1972 (7 Siege) auslöschen. Dass er es schafft, daran zweifelt in China niemand mehr.
„Wie oft denn noch?“
Mit der US-Staffel über 4 x 200 Meter triumphierte der Schwimmstar aus Baltimore in der Fabelzeit von 6:58,56 Minuten, erstmals blieb damit eine Equipe über diese Distanz unter sieben Minuten. Zuvor triumphierte er über 200 m Delfin, doch nachdem er zum fünften Mal in Peking „Stars and Stripes“ gehört und dabei die rechte Hand stolz an sein Herz gehalten hatte, blieb auch ihm die „Spucke weg. Ich hatte keine Ahnung, was da passiert ist. Ich habe dafür keine Worte“, sagte er bei der Pressekonferenz – und musste diebisch grinsen. Er griff in die Tasche, zog sein Handy heraus und las ein SMS vor, das ihm ein Freund geschickt hatte. „Himmel, wie oft muss ich dein dummes Gesicht noch im TV sehen?“
Phelps ist einfach nicht zu stoppen, sogar wenn er Wasser in der Brille mit sich trägt und „blind schwimmen“ muss, ist er nicht aufzuhalten. Das Phänomen stellen nicht nur seine Spannweite, die Schuhgröße oder der Speedo LZR-Racer-Anzug dar (er verwendet nur die Hose), sondern er als Mensch. „Es war immer mein Traum“, plaudert er über seine Anfänge, „bei Olympia ganz oben zu stehen. Jetzt bin ich ganz oben, der Beste, und das ist eine sehr große Ehre. Es fühlt sich sehr gut an, es ist sogar besser als der Geburtstag oder Weihnachten.“ Gold bleibe für immer.
Für jemanden, der preisgibt, dass er in der Schule nie still sitzen konnte oder liebend gern zu Football-Spielen geht, versteht es der Amerikaner brillant, sich bei Großereignissen nur auf seine Aufgaben zu konzentrieren. Mit Coach Bob Bowman hat er jedoch die Person im Hintergrund, die tunlichst darauf achtet, dass ein Genie, Talent oder „Fabelwesen“ wie er nicht abseits des Beckens abhebt.
Nach Athen 2004 war das passiert, und Phelps alkoholisiert hinterm Steuer in ein Planquadrat gerast. Die Lehren daraus? „Noch härteres Training, noch mehr Einsatz ich habe mich danach nur noch dem Sport verschrieben“, sagt er nun und erntet neben neidvollen Blicken in seiner Heimat durchwegs Anerkennung. Die Nation sei „crazy“, seine Landsleute sind jetzt endgültig „nuts“ (Deutsch: verrückt), wenn er ins Becken springt. Als er mit dem Schwimmen anfing, er war damals elf Jahre alt, hätte er nie gedacht, eines Tages der „Star“ zu sein. Dass er es aber geworden ist, stört ihn nicht, im Gegenteil. „Es sind meine dritten Spiele, jeder kennt mich und das ist doch gut so. Ich habe meine Kräfte konserviert und spiele sie eben jetzt aus.“
Rätsel oder Bestimmung?
Während ihn viele für unschlagbar halten, sieht sich Michael Phelps als „normaler Mensch“. Jeder könne geschlagen werden, also auch er. Nur warum es derzeit niemandem gelingt, das konnte auch er nicht beantworten, wenngleich fünf Weltrekorde (insgesamt wurden bislang 16 in Pekings Wasserwürfel aufgestellt), die auf seine Kappe gehen, eine deutliche Sprache sprechen. Ist es aber sein kräftiger Zug, die starke Wende, die lange Tauchphase? Phelps schwieg sich darüber aus. „Es ist Bestimmung, erfolgreichster Olympia-Sportler zu sein!“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2008)