80 Elemente zum Frühstück!

Man verzehrt sich nach Cer, es mangelt an Mangan, man mag Magnesium.

Danke. Nein, danke, ich frühstücke nicht, nicht wie ein Kaiser, nicht wie ein Bürger und auch nicht wie ein Bettelmann. Kein erstes und kein zweites Frühstück, weder Buffet- noch Gabelfrühstück, nicht einmal Brunch, ich breche das Fasten erst nach Mittag, mein Genotypus will das so, und mein Phänotypus fügt sich. Erstens bin ich nach dem Frühstück immer müde und/oder hungrig und/oder grantig, zweitens halte ich das Frühstück für aller Laster Anfang. Aus den „Buddenbrooks“ kennen wir das mahnende Beispiel des Konsuls Peter Döhlmann, der „sein ganzes Vermögen verfrühstückt hat“, und wer hat noch nie eine Wohngemeinschaft besucht, in der von früh bis spät gefrühstückt wird, während draußen in der Welt die Werte bröseln?

Das Frühstück, einst Instrument der familiären Disziplinierung, ist auch für die unter Marktliberalen beliebte Obsession, alles immer und überall tun zu wollen, deutlich anfälliger als z.B. das Abendessen.

Ich habe aus meiner Abneigung nie ein Hehl gemacht, auch nicht, als ich noch einsam war und die Frage „Willst du mit mir frühstücken?“, vor allem, wenn sie nach Mitternacht fiel, einen deutlich lasziven Beigeschmack hatte. Pärchen, die der Sturm der letzten Nacht frisch zusammengewürfelt hat, sind ja die klassischen Spätfrühstücker, die in den Frühstückslokalen einträchtig gähnen und einander zärtlich Wurstsorten vorlegen, die sie als Singles im Supermarkt keines Blickes wert befänden.

Solche sitzen wohl auch im „Breakfast Club“, den ich unlängst (von außen) entdeckt habe und der in der üblichen Flut von Frühstücksvarianten auch ein „Fünf Elemente Frühstück“ (sic!, Bindestriche werden in diesem Lokal offenbar nicht serviert) bietet. Es enthält, ich zitiere aus der Speisekarte, hauptsächlich eine „Eierspeise aus zwei Eiern (Element Erde), Ingwer, Pfeffer und Koriander (Element Metall), Salz (Element Wasser), Paradeiser (Element Holz), Rucola & Oregano (Element Feuer)“. Mir ist nicht ganz einsichtig, warum der Pfeffer unter „Metall“ läuft und nicht unter „Feuer“, aber ich habe ja auch in der Astrologie nie verstanden, warum gerade der Wassermann kein Wasserzeichen ist.


Für den Chemiker ist die elementare Betrachtung einer Mahlzeit besonders interessant, weil er ja einen, sagen wir, weniger ganzheitlichen Begriff von Elementen hat: An die 80 (um nur die stabilen zu zählen) statt vier bis fünf kennt er, da springt bereits die Quantität in Qualität über, da wird es schon mühsam. Vor allem, wenn man an der unter Lesern von Wartezimmerzeitschriften verbreiteten Zwangsneurose leidet, überall nach Spuren von Spurenelementen zu suchen und Mangelerscheinungen zu imaginieren, wo nur allgemeine Hinfälligkeit ist. Typisches Merkmal dieser intellektuell anspruchsvollen Form der Hypochondrie ist ein über dem Esstisch hängendes Periodensystem der Elemente.

Vorsicht! Wenn man nur fest genug meditiert, spürt man jedes Element, man sucht sobald nach Kobalt (© Georg Kreisler, „Zwei alte Tanten tanzen Tango“), verzehrt sich nach Cer, es mangelt an Mangan, man mag Magnesium, man braucht Chlor und Bor fürs Ohr, Gallium für die Galle,... Aber was davon ist in Rucola & Oregano? Was in Ingwer? Und was in Tiroler Frühstücksspeck?

Nein, danke, ich frühstücke nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2008)

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