Prozess gegen Papst: Der wahre Fluch des Templers

(c) AP (Alberto Pellaschiar)
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Selbst ernannte Nachfolger der Templer klagen den Papst: Er soll sich für Verleumdung des Ordens und vielfachen Mord entschuldigen.

Der Fluch des Templers, Film ab: In den Flammen des Scheiterhaufens verwünscht Großmeister Jacques de Molay die Schuldigen an seinem schuldlosen Tod. Frankreichs König Philipp der Schöne und Papst Clemens V. sterben wie prophezeit binnen eines Jahres. Doch der Fluch umfasste auch ihre Nachfahren. Als Ludwig XVI. in der Französischen Revolution seinen Kopf verlor, sprang ein Unbekannter auf das Schafott und rief: „Jacques de Molay, endlich bist du gerächt!“ Und die Kirche, die sich in den Päpsten fortpflanzt? Sie blieb bis jetzt von klaren Spätfolgen verschont. Bis jetzt. Denn nun erheben selbst ernannte Nachfolger der Templer in Madrid Anklage gegen Benedikt XVI. – als Erben jenes Clemens, der seine Ritter zu Bauernopfern im Machtpoker machte. Schnitt, Ende, der Thriller ist im Kasten.

Sobald es um die Templer geht, vermischen sich Fakten und Mythen. Der Prozess von 1307 bis 1314 ist gut erforscht, ein Meisterstück echter Konspiration. Der bei Frankreichs „Templiers“ chronisch verschuldete Philipp nahm sie in einer landesweit akkordierten Aktion gefangen, verleumdete sie als ketzerische Geheimbündler mit homosexuellen Initiationsriten, erpresste Geständnisse durch Folter und ließ einige Anführer verbrennen. Doch schon der Fluch aus den Flammen darf als Legende gelten, der Unbekannte auf der Guillotine als Teil einer wilden Verschwörungstheorie.

Bloß ein Schelmenstreich?

Der Prozess von Madrid jedoch ist real und aktuell. Der „Oberste Orden des Tempels Christi“ findet sich im spanischen Vereinsregister. Seine Mitglieder wollen Fakten schaffen – im Gegensatz zu Dutzenden anderen „Neotempler“-Klubs, die sich lieber ritterlicher Folklore oder esoterischen Spleens widmen. Ob sie Rechtsnachfolger des Ordens sind, ist freilich höchst fraglich: Dazu müssten sie die Reihe ihrer Großmeister im Untergrund bis auf den unglücklichen Jacques de Molay zurückführen.

Ist der Prozess nun ein Schelmenstreich oder ein ernst gemeinter Versuch der Geschichtsaufarbeitung? Diese Templer haben jedenfalls langen Atem. Vier Mal versuchten sie schon, in vollem Ornat zum Papst vorzudringen. Er soll sich entschuldigen und den Orden wieder einsetzen. Vier Mal blitzten sie ab. Da blieben nur noch rechtliche Schritte. Das Erstgericht erklärte sich unzuständig für mittelalterliche Tatbestände, „weil sie Angelegenheit von Historikern seien“. Nun beginnt das Verfahren in zweiter Instanz. Auf den armen Richter warten versiegelte Aktenberge aus brüchigem Pergament.

In einem Punkt gaben die Templer Entwarnung: Sie fordern keine finanzielle Entschädigung, denn man wolle „die römische Kirche nicht in den Bankrott treiben“. Das ist nicht nur so dahingesagt. Mit heutigem Wertansatz betrug das Vermögen des Ordens zur Zeit seiner Zerschlagung 100 Milliarden Euro. 9000 Besitzungen führte er in seinen Büchern, jeder neue Glaubensritter vermehrte den Reichtum der „Armen Ritterschaft Christi vom salomonischen Tempel“. Die paramilitärische Truppe, die seit dem Jahr 1118 die Pilger im Heiligen Land vor den Überfällen muslimischer Guerillas schützen sollte, wurde im Lauf ihrer Geschichte zum multinationalen Wirtschaftskonzern.

Das Kapital wurde reinvestiert, in Häfen, Mühlen und Schiffe. Dazu kamen der Reliquienhandel und ein päpstliches Privileg, das den Kämpfern die Beute zusprach, die sie bei „Ungläubigen“ machten. Als sich die mönchischen Besatzer aus Palästina zurückziehen mussten, verlegten sie sich aufs „Private Banking“. Europas VIPs vertrauten ihnen ihre Schätze an und erhielten dafür Schließfächer und Quartalsberichte. Und wenn der schöne Philipp Geld brauchte, bekam er es – gegen Zinsen, die andere brave Christenmenschen wegen des biblischen Wucherverbots nicht fordern durften.

Hätten die selbst ernannten Templernachfolger eine reale Chance, ihren Prozess zu gewinnen, Benedikt müsste sich ernsthaft Sorgen machen – was wäre dann, wenn sich andere Neotempler mit finanziellen Forderungen weniger nobel zurückhielten? Da hülfe dem Vatikan auch seine vorjährige PR-Aktion zum 700.Jubiläum des Prozessbeginns wenig. Eine Historikerin hatte in den Vatikan-Archiven ein falsch abgelegtes Dokument entdeckt, das Clemens in milderem Licht zeigt: die Akten von Chinon, einem Untersuchungsausschuss, in dem sich der Pontifex 1308 von der weitgehenden Unschuld seiner Ritter überzeugte und ihnen die Absolution erteilte. Dass er den Orden später doch suspendierte, sei den Erpressungen Philipps zuzuschreiben. Die Kirche stieg jedenfalls gut aus: Sie durfte die Reichtümer der Templer behalten, die bald anderen Ritterorden zugutekamen.

Die Templer selbst verschwanden aus der Geschichte, doch durch die Köpfe fantasiegeplagter Geister spuken sie bis heute. Was hat man ihnen nicht alles angedichtet: Amerika sollen sie ebenso entdeckt haben wie den Heiligen Gral, die Bundeslade und die Zauberformel der Alchimisten. In Schottland, munkelt man, legten sie das Fundament für die späteren Freimaurer.

Dan Brown und der Templer-Mythos

Die lukrativste Lüge ist noch recht frisch: In den 50er-Jahren erfand der Franzose Pierre Plantard die Geheimgesellschaft „Bruderschaft vom Berg Zion“. Zwei BBC-Reporter sponnen den Faden weiter, machten die „Prieuré“ zum geheimen Arm der Templer, die in Jerusalem die Wahrheit über den Gral erfahren hätten – dass er nichts anderes sei als die Nachkommenschaft von Jesus und seiner Frau Maria Magdalena. Schon als Sachbuch war die haarsträubende Geschichte ein Bestseller. Ein Welterfolg wurde Dan Browns darauf aufbauender Thriller „The Da Vinci Code“ („Sakrileg“). Wir stehen bei 60 Millionen Stück in 44 Sprachen. Vielleicht ist das der wahre Fluch des Templers: dass esoterischer Schwachsinn und paranoide Geschichtsdeutung sich so lange fortpflanzen, bis die vollständig rehabilitierten Rittermönche endlich in Frieden ruhen.

LEXIKON

Der Orden der Tempelritter wurde um 1118 in Folge der Kreuzzüge zum Schutz der Pilger gegründet. 1312 löste Papst Clemens V. den Orden auf, einzelne Templer wurden von der Inquisition zum Tod verurteilt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2008)

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