Wenn wir die 350 nicht zur wichtigsten Zahl auf der Erde erklären, werden künftige Generationen ums Überleben auf einem überheizten Planeten ringen.
Thomas Jefferson schrieb einmal: „Ich habe niemals Angst, dass die Dinge wirklich schiefgehen, solange der gesunde Menschenverstand im Spiel ist.“ Wenn ich an die vielen Krisen denke, denen wir uns heute gegenüber sehen, frage ich mich, wie viele man wohl hätte abwenden können, hätte man ein Mindestmaß an gesundem Menschenverstand walten lassen.
Der Klimawandel wirkt sich auf jeden Aspekt unseres Lebens aus – Frieden, Sicherheit, Menschenrechte, Armut, Hunger, Gesundheit, Massenmigration, Wirtschaft. Bill McKibben hat die Weltöffentlichkeit nun „mit der wichtigsten Zahl der Erde“ bekannt gemacht: 350. Er erklärt, dass wir nicht zulassen können, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bis 450 oder auch nur 400 Anteile pro Million steigt, wovon die entsprechenden Entscheidungsträger ausgehen, sondern, dass wir sie schnellstens auf 350 Teile pro Million senken müssen, wenn „wir einen Planeten erhalten möchten, der jenem ähnelt, den die Zivilisation entwickelt hat“. Wenn wir die 350 nicht zur wichtigsten Zahl auf der Erde erklären, werden künftige Generationen ums Überleben auf einem überheizten Planeten ringen.
Die tickende Zeitbombe in Sibirien
Ein großer Teil der subarktischen Region Sibiriens, so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen, ist im Permafrost gefrorener Torf. Dieses organische Material, das derzeit im Eis gefangen liegt, würde bei dessen Schmelze große Mengen an Methan freisetzen – ein Gas, das die Erwärmung 23-mal so stark vorantreibt wie Kohlendioxid. Katey Walter von der University of Alaska schrieb von einer „tickenden Zeitbombe“. Sie und ihre Forscher warnen laut Jeremy Rifkin „vor einem Kipppunkt in diesem Jahrhundert, wo das Freiwerden des Methans einen unkontrollierbaren Rückkoppelungseffekt auslösen könnte, die Atmosphäre erwärmt sich dramatisch, dadurch erwärmen sich wiederum Land, Seen und Meeresboden, sodass der Permafrost weiter schmilzt und noch mehr Methan freisetzt“.
Was kann uns der gesunde Menschenverstand an diesem Punkt sagen? Wir dürfen nicht zulassen, dass die Regierungen bei der nächsten Klimakonferenz in Kopenhagen uns ein weiteres Mal enttäuschen. Wir müssen die Kriterien formulieren, auf denen ein idealer Kyoto-Plus-Vertrag basieren müsste. Diese sollten nicht darauf ausgerichtet sein, was Regierungen zu tun gewillt sind. Vielmehr sollten sie auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, wie wir die Klimakatastrophe abwenden können, basieren und auf den Erfordernissen globaler Gerechtigkeit. Und die Regierungen müssen nun für eine Umsetzung entsprechender Lösungen Verantwortung übernehmen.
Dazu gehört die Gründung einer Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA), um den Einsatz von erneuerbaren Energien weltweit zu fördern und zu unterstützen. Dazu gehört, dass wir anhand entsprechender Fallstudien dokumentieren, dass die Städte der Welt – in denen 50 Prozent der Weltbevölkerung leben – nur mittels erneuerbarer Energiequellen „betrieben“ werden können. Dazu gehört, dass wir dafür sorgen, dass Gesetze für den Vorrang erneuerbarer Energien in allen an das Elektrizitätsversorgungsnetz angebundenen Regionen dieser Welt als wichtiges Instrument Anwendung findet, um erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen.
Kernenergie schützt nicht unser Klima
Dazu gehört, dass wir Steuern für Energie in Steuern für Emissionen verwandeln und damit das Angebot und die Nachfrage für emissionsfreie Energien ankurbeln. Dazu gehört, dass wir ein globales Programm schaffen, um Wälder zu schützen und wiederaufzuforsten. Gegenwärtig gibt es ein Potenzial von zehn Millionen Quadratkilometern neuer Wälder, die helfen könnten, die CO2-Konzentration bei 350 Teilen pro Million zu stabilisieren. Dazu gehört, dass wir eine Initiative ins Leben rufen, um die Biosphäre zu schützen und wiederherzustellen. Wir müssen den Rückgang der Biodiversität beenden.
Dazu gehört, dass wir anerkennen, dass Kernenergie nicht unser Klima schützt. Der Wasserverbrauch von Atomkraftwerken ist gewaltig. Es gibt keinen Grund, warum wir den Gefahren des Klimawandels – und der finanziellen Belastung – mit Atomenergie begegnen sollten.
Dazu gehört, dass wir die Technologien der CO2-Abscheidung und -Speicherung meiden. In den meisten Fällen sind sie höchstwahrscheinlich nicht energieeffizient oder kostengünstig, und die Speicherung von CO2 kann sogar gefährlich sein. Dazu gehört, dass Unternehmen, deren Praxis Umwelt und Menschenleben gefährden, zur Verantwortung gezogen werden.
Ich glaube, dass sich jeder von uns eine Zukunft vorstellen kann, in der die Welt durch Klimawandel zerstört wurde, deren Bewohner dursten, hungern und von Krankheiten heimgesucht werden; eine Welt, deren Flora und Fauna ausgestorben ist und deren Meere menschliche Behausungen auf allen Kontinenten zu überschwemmen drohen. Wenn wir in einer Welt leben möchten, die wir stolz an künftige Generationen weitergeben können, muss jeder Einzelne bereit sein, sofort eine grundlegende, fortdauernde Veränderung seiner Lebensweise herbeizuführen. Es geht um eine ganzheitliche Veränderung unserer Weltsicht und der Art und Weise, wie wir uns selbst sehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2008)