100-Meter-Sprint: Der Sprint um die Glaubwürdigkeit

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Mehr als eine Milliarde Menschen werden beim 100-Meter-Sprint von Peking vor dem Fernseher sitzen. Es sind keine zehn Sekunden, doch kein anderer Bewerb fesselt mehr. Aber was geschieht mit den Siegern?

Der erste Blick in das Oval des Vogelnest-Stadions von Peking übermannt den schlichten Besucher. Weitläufig, riesig und ohne Videowalls würde man gar nicht sehen, wer gerade über die Tartanbahn flitzt oder eine Kugel in das Wurffeld stößt. 91.000 Zuschauer passen in dieses Schmuckkästchen, das die Schweizer Architekten Herzog & de Moron entworfen haben. Chinas neues Wahrzeichen aus über 40.000 Tonnen Stahl verschlang 300 Millionen Euro an Baukosten – und es scheint jeden Cent wert zu sein. Für Olympia war es den Veranstaltern ohnehin billig und recht, schließlich werden in diesem Stadion Eröffnungs- und Schlussfeier zelebriert sowie die Könige der Leichtathletik gekürt.

Adrenalin-Explosion

Es gibt viele Leichtathletik-Bewerbe, aber keiner fesselt so wie der 100-m-Lauf der Herren. Es ist eine Explosion puren Adrenalins, erzählte der Amerikaner Justin Gatlin noch stolz bei der WM 2005 von seinen Eindrücken. Er gewann Olympia- und WM-Titel und flog wenig später zum zweiten Mal wegen Dopings auf. Und das ist auch das Problem, mit dem die Sprinter der Gegenwart um die Wette laufen. Gelingt das Rennen um die Glaubwürdigkeit? Denn seit Ben Johnson (Seoul, 1988) läuft in jedem Sprintfinale der leise Verdacht der Manipulation mit.

Die Ausnahmekönner des Sprints verbindet aber nicht nur der Goldrausch, sondern auch ihre menschlichen Geschichten. Im Verlangen von Medien, Industrie und Fans rückt zwar vorwiegend die blanke Zeit in den Vordergrund, der Mensch dahinter verkommt zum Nebengeräusch, liefert aber in Wahrheit die tatsächliche Geschichte. Denn nicht immer waren es nur Sport-Profis, nicht immer ging es mit rechten Dingen zu, es gab Skandale und Dramen. Und nicht jeder Sieger wurde ein Multimillionär, mancher fährt heute, weil er alles verspielte oder zurückzahlen musste wegen Dopings, mit dem LKW spazieren und kein Mensch fragt ihn heute noch um ein Autogramm. Das ist die Kälte des Spitzensports.

Der Amerikaner Thomas Burke war nach seinem Olympiasieg 1896 nicht nur Anwalt und Sportjournalist, sondern auch Mitinitiator des Boston-Marathons. Archie Hahn, der „Milwaukee Meteor“, war 1906 der erste Sprinter, der seinen Titel verteidigen konnte. Bis heute gelang dies nur Carl Lewis, und auch in Peking gibt es einen neuen Sprint-Sieger. Denn Justin Gatlin schaffte es trotz zahlreicher Klagen und top-bezahlter Anwälte nicht, seine Dopingsperre vor Gericht zu umgehen.

Während der Südafrikaner Reginald Walker 1908 mit 19 Jahren und 128 Tagen als jüngster Sieger in die Geschichte einging, freute sich Eddie Tolan (1932) über eine kurze Theater-Karriere und trat später auch mit Tänzer Bill Robinson („Mr. Bojangles“) gemeinsam auf. Sein US-Landsmann Charles Paddock wurde Opfer der Kriegswirren, er stürzte 1943 mit einem Militärflugzeug über Alaska ab. Mit Percy Williams (1928) nahm sich 1982 ein einst in den USA gefeierter Sport-Star und Olympiasieger wegen Vereinsamung und Arthritis-Schmerzen das Leben.

Jesse Owens (1936) musste aus Geldnöten oft gegen Pferde sprinten und diese Showkämpfe auch gewinnen, um zu überleben. Bob Hayes (1960) wechselte nach dem 100-m-Sieg die Sportart und wurde Footballer bei den Dallas Cowboys (spielte mit Toni Fritsch und gewann auch die Super Bowl!). Der Russe Walerij Borsow (1972) machte in den 90er Jahren Karriere als Politiker und Sportminister der Ukraine. Trinidads „Golden Boy“ Hasely Crawford (1976) lacht heute noch von Briefmarken.

Aus den Schlagzeilen nicht wegzudenken ist Carl Lewis (1984, 1988), der seinem Vorbild Jesse Owens auf- und davon lief und auch sprang. Er ist in Wahrheit neben Donovan Bailey (Kanada, 1996) und Maurice Greene (USA, 2000) der einzige der 100-m-Olympioniken, die es geschafft haben, aus ihren Leistungen derart Profit zu schlagen, dass sie bis an ihr Lebensende „ausgesorgt“ haben.

Ist der Ruf einmal ruiniert

Der gebürtige Jamaikaner Linford Christie (lief für Großbritannien) war 1992 der erste Athlet, der sich gleichzeitig Olympiasieger, Weltmeister, Europameister und Commonwealth-Titelträger nennen durfte. Er scheiterte aber ebenso an der Doping-Versuchung wie Ben Johnson, Justin Gatlin und zig andere Stars der Szene.

Es bleibt also abzuwarten, welche Geschichte der Sieger 2008 und mit ihm die in Verruf geratene Leichtathletik schreiben wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)

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