Während die Inflation hoch bleibt, schwächt sich das Wirtschaftswachstum ab. Bei der kommenden Lohnrunde sind harte Bandagen zu erwarten.
Wien/Frankfurt/Brüssel(red/ag). Im Vorjahr wurde für die Metaller, deren Abschluss traditionell Signalwirkung für andere Branchen hat, eine Lohnerhöhung von im Schnitt 3,5 Prozent plus einer Einmalzahlung ausgehandelt. Per Saldo machte die Lohnerhöhung vier Prozent aus. Damals brummte der Konjunkturmotor, die Inflationsrate lag unter zwei Prozent. Heuer starten die Lohnverhandlungen in einer weit ungünstigeren Situation.
Die jüngsten Konjunkturdaten zeigen, dass zwar keine Rezession zu erwarten ist, der Abschwung aber auch in Österreich da ist. Die heimische Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2008 nur noch noch um magere 0,4 Prozent gewachsen. Im ersten Quartal hatte das Plus noch 0,6 Prozent betragen. Im Jahresabstand ist Österreichs Wirtschaft um zwei Prozent gewachsen.
Gleichzeitig verharrt die Inflation in Österreich weiterhin auf hohem Niveau. Im Juli lag sie bei 3,8 Prozent und damit nur minimal unter dem Juni-Wert von 3,9 Prozent. Die größten Preistreiber waren wie schon seit mehreren Monaten Energie (Treibstoffe und Heizöl), auf die allein ein Drittel der Jahresinflation entfiel, sowie Nahrungsmittel, die sich binnen Jahresfrist um mehr als sieben Prozent verteuerten. Billiger wurden Telefonate sowie das Surfen im Internet.
OeNB für niedrige Lohnabschlüsse
Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) plädiert nun für Lohnabschlüsse unter der Inflationsrate. Der Verhandlungsspielraum müsse sich „an der Produktivität orientieren, nicht an der Inflationsrate,“ sagte OeNB-Vizegouverneur Wolfgang Duchatczek am Donnerstag in der „Zeit im Bild“. Für die Arbeitnehmer hieße das im Klartext, dass sie wohl mit Reallohnverlusten zu rechnen hätten. Durch die kalte Progression – mit den Lohnerhöhungen wachsen immer mehr Einkommensbezieher steuerlich in höhere Progressionsstufen hinein – wird das Problem verschärft und der politische Druck auf ein Vorziehen der Steuerreform wachsen. Sinkende Realeinkommen bremsen auch den privaten Konsum, der schon seit längerem schwach ist.
Auch die Europäische Zentralbank (EZB) mahnt zur Zurückhaltung bei den kommenden Tarifverhandlungen. Die Frankfurter Währungshüter rechnen damit, dass die Inflationsraten in der Eurozone noch länger auf hohem Niveau bleiben werden, und warnen vor einer Lohn-Preis-Spirale.
Abschwung in der EU
Deutlich stärker als in Österreich hat sich das konjunkturelle Klima in der Europäischen Union verschlechtert. Erstmals seit dem Jahr 1995 ist die Wirtschaft in der EU im zweiten Quartal 2008 geschrumpft und zwar um 0,1 Prozent. In den 15 Ländern der Eurozone sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sogar um 0,2 Prozent. Im ersten Quartal hatte es sowohl in der EU als auch in der Eurozone noch ein Plus von 0,7 Prozent gegenüber.
„Sorgenkinder“ sind dabei vor allem die großen EU-Staaten: In Deutschland schrumpfte die Wirtschaft im zweiten Quartal 2008 um 0,5 Prozent, in Frankreich und Italien um je 0,3 Prozent. Mit plus 0,4 Prozent schneidet Österreich gemeinsam mit Portugal unter den „alten“ EU-Mitgliedstaaten am besten ab.
Gleichzeitig mit dem Abschwung blieb die Inflationsrate in der Eurozone im Juli auf dem historischen Höchststand von 4,0 Prozent. In der gesamten EU stieg sie sogar weiter auf 4,4 Prozent. Am niedrigsten war die Inflationsrate in den Niederlanden und in Portugal mit 3,0 bzw. 3,1 Prozent, am höchsten in Lettland (16,5 Prozent) und in Bulgarien (14,4 Prozent). In der Eurozone wies Slowenien mit 6,9 Prozent den höchsten Wert auf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)