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"The Dark Knight": Der Joker will die Welt brennen sehen

Heath Ledger als ''Joker''.
(c) Warner
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Der Superheldenfilm „The Dark Knight“ bricht in den USA sämtliche Kassenrekorde, vom „besten Film aller Zeiten“ ist die Rede. Wie ein Popkultur-Phänomen entsteht – und von der manischen Energie eines Toten profitiert.

Als sich herumgesprochen hatte, dass ein Filmkritiker bei der Trauerfeier zu Gast sei, begann die Prozession: Alle anwesenden Teenager und College-Schüler kamen, einer nach dem anderen, zum Zelt neben der Kapelle und stellten dem Fachmann die entscheidende Frage, in nahezu identischem Wortlaut.

„Ist The Dark Knight der beste Film aller Zeiten?“

Eine Woche nach dem Start des Batman-Films in den USA (am 14. Juli) schilderte Ty Burr, Filmkritiker des „Boston Globe“, in seinem Blog dieses Erlebnis: Es lässt ahnen, was für ein Popkultur-Phänomen The Dark Knight binnen kürzester Zeit für die junge Generation von Amerikanern geworden ist.

Natürlich: Das Batman-Abenteuer kommt international auch ganz gut an, und ein älteres Publikum hat ebenfalls sein Scherflein dazu beigetragen, dass in den USA reihenweise Kassenrekorde gebrochen wurden. Erfolgreichster Premierentag (Einnahmen: 66,4Mio.$), stärkstes Startwochenende (155,3Mio.$), seither wurden die 300- und die 400-Millionen-Dollar-Marke in Rekordzeit gebrochen, die Serie wird weitergehen.

Diese Erfolgsziffern sind auch ein Musterbeispiel für Marketing-Strategien am US-Kinomarkt, wo solche Zahlenspiele den Ton angeben: Sie dienen da als quantitativer Beleg zu Werbesprüchen vom „Kino-Event des Jahres“. Schlicht quantitativ ist auch einer der Gründe für solche Rekordzahlen: Hollywood startet seine Blockbuster mit immer mehr Filmkopien. So wird schneller mehr eingespielt und Konkurrenz aus dem Multiplex verdrängt. Noch nie startete ein Film in so vielen Kinosälen wie The Dark Knight.

Aber viele Großproduktionen machen Geld wie Heu, ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Der neue Batman-Film hat aber tatsächlich Ereignischarakter: In der populären Internet Movie Database wird er schon jetzt als bester Film aller Zeiten bewertet (und ist als einziger Film der aktuellen Dekade in den Top Ten). In seinem Blog schrieb Ty Burr von einem Teenager, der den Start von The Dark Knight mit der Ermordung von JFK und der Challenger-Katastrophe verglich: als definierenden „Und wo warst du?“-Moment seiner Generation.

Bei aller Liebe zur Populärkultur und zur Tradition der Comic-Superhelden scheinen die Analogien doch gewagt angesichts eines Films über den Kampf eines Rächers im Fledermauskostüm gegen einen Psychopathen im Clown-Make-Up. Der Mann im Make-Up namens Joker dürfte dabei aber eine Schlüsselrolle spielen: Gespielt wird er nämlich von Heath Ledger, der noch vor Beendigung der Dreharbeiten im Jänner dieses Jahres an einer Medikamentenüberdosis verstarb.

 

Gestorben am Eintauchen ins Böse?

Ledgers Tod ist eine Tragödie, wie sie die Traumfabrik liebt, sie wurde für die Kampagne weidlich genutzt: Ledger habe sich für einen Monat ins Hotelzimmer zurückgezogen, um seinen Joker zu kreieren, das Eintauchen in den bösen Nihilisten hätte entsprechende psychische Folgen gehabt.

Ledgers allenthalben gepriesene Darstellung ist das auffälligste Element des Films: Ihre manische Energie dominiert die düstere Szenerie. Das Wissen, dass die Energie von einem Toten kommt, verstärkt die unheimliche Attraktion. Ein ungewohntes Gefühl, jedenfalls für eine Generation von Kinogängern, die kaum alte Filme schaut – und mangels (Werbe-)Auftritten von Ledger in Talkshows und Entertainment-Kanälen fehlt der beschönigende Schutzpolster, mit dem die heutige „celebrity culture“ der USA ihren Multiplex-Filmen den Stachel zieht.

Unheimlich ist aber auch schlicht die Anziehungskraft des absolute Anarchie predigenden Joker: Die Figur scheint in einem Zeitalter moralischer Müdigkeit einen Nerv zu treffen. In allen anderen Belangen sind The Dark Knight nämlich die Kompromisse anzusehen, die ein geschätzte 180 Millionen Dollar teurer Film eingehen muss. Nur nicht beim Joker – der will „einfach die Welt brennen sehen“, wie es der große Michael Caine als Batmans Butler auf den Punkt bringt. Dahingehend beschwört dieser dunkle Film vielleicht wirklich düstere Aussichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)