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''The Dark Knight'': Grinsende Predigt ohne Plan

(c) Reuters
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Ambitioniert, actionreich, zusehends inkohärent: Christopher Nolans flotter zweiter Batman-Film ist trotz aller Düsternis recht unterhaltsam. Das Highlight schlechthin ist aber der dauergrinsende Joker Heath Ledger.

Entweder man stirbt als Held oder man lebt lange genug, um sich als Schurke wiederzufinden. Das Dilemma, das Staatsanwalt Harvey Dent (angespannt: Aaron Eckhardt) zu Anfang von "The Dark Knight" skizziert, hängt bleischwer über Christopher Nolans Film: eine Weissagung, die sich erfüllen muss – und sich für verschiedene Figuren zwangsläufig auf verschiedene Art erfüllen wird.

Überhaupt ist Dilemma ein Schlüsselwort in der modernen Düsternis dieser Gotham City. Regisseur und Co-Autor Nolan schließt nahtlos an seinen bemerkenswerten Filmserien-Neuanfang "Batman Begins" an: Der war psychologischer Entwicklungsroman eines zerrissenen Superhelden. Nun muss Batman (zwangsweise introvertiert, nicht nur im Fledermauskostüm: Christian Bale) durch so gut wie alle möglichen symbolischen Konflikte, besonders schwer wiegen seine Entscheidungen mit unübersehbarer Zeitgeist-Relevanz: Der Rächer foltert Kriminelle und bemüht Überwachungstechnologien, die jeglichen Bürgerrechten spotten.

Das ist übrigens die grüblerische Seite des Films. Wie ein mit vollem Geschütz auffahrender Bankraub zu Beginn demonstriert, wird Actionvorlieben des Zielpublikums entsprochen. The Dark Knight ist oberflächlich unterhaltsamer als der finanziell mäßig erfolgreiche Vorgänger, deswegen nicht unbedingt überzeugender: War "Batman Begins" eine interessante Erzählung, die von inkohärenten Actionszenen unterbrochen wurde, so fallen hier die ausgiebigen Gefechte und Explosionen interessanter aus, dafür wird die Erzählung zusehends inkohärent.

Lachend im Selbstmordattentäterkostüm

Das scheint nicht ganz unbeabsichtigt. Schließlich werden die immer hektischer parallel montierten Szenenfolgen von den absurden Attacken eines Anarchisten angetrieben: des Jokers, von Heath Ledger mit eindrucksvoll selbstverständlicher Umnachtung ausgestattet. Seine Zunge flutscht häufig durchs entstellte Clown-Make-Up, Bewegungen, Grimassen und Sprechweise sind irregulär, wie es einem unvorhersehbaren Wahnsinnigen wohl ansteht. Der Joker predigt Planlosigkeit und verbrennt Geldberge. Die Handlung ergibt sich aus seinen Versuchen, Gotham mit eskalierender Gewalt ins Chaos zu stürzen. Einmal tritt er lachend im Selbstmordattentäterkostüm auf: Beim Parieren der terroristischen Herausforderungen wird Batman dem Feind immer ähnlicher. Auch die Allegorie ist überdeutlich.

Aber Standpunkt wird dabei kaum bezogen, das ist problematischer als im Comic-Universum verzeihliche logische Lücken: Nolan bringt viele Sujets ins Spiel, aber lässt sich nicht in die Karten schauen (auch das Motto vieler Figuren im Film). Es entspricht der Tendenz seiner Karriere: Nolan fabriziert filmische Versuchsanordnungen, die ihre (Schein-)Probleme in die Struktur auslagern, wie der Rückwärts-Krimi Memento.

The Dark Knight prescht so flott voran, rapide zwischen vielen Figuren wechselnd wie avancierte Fernsehserien. Die pragmatische Inszenierung steht aber in eigentümlichem Missverhältnis zum anspruchsvollen Konzept, das auf die Unentrinnbarkeit des Strudels von Jokers Chaos hinausläuft. Gewagt genug für einen Blockbuster, der dennoch paradoxerweise überraschungsarm bleibt:Dem Dilemma ist nicht zu entkommen. Wohl, weil es zu deutlich auf dem Reißbrett konzipiert ist. Nur zwei Charaktere gehen tiefer, vielleicht weil sie die Dinge mit Humor nehmen (dürfen): der Joker, dessen Witz schwarz und schrecklich ist. Und Batmans Butler Alfred (Altmeister Michael Caine), heimliches moralisches Zentrum des Films. Sein Witz ist abgeklärt. Auch eine Eigenschaft, die den anderen Figuren fehlt.

Ab 21. August ist "The Dark Knight" auch in Österreich zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)