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Jagd auf Singvögel: Zart gegrillt und auf Polenta

(c) EPA (Christian Hartmann)
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Norditalien erhöht die Abschussquoten für Singvögel. Die einen wittern darin einen Verstoß gegen die Verfassung, die anderen jubeln über die Besinnung auf Jagdtraditionen.

Rom. Man nehme einige Finken, Stare, Rotkehlchen oder was sonst an Singvögeln zur Hand ist. Man rupfe und putze sie, stecke sie auf einen Spieß, zusammen mit Speck und Salbei. Man bestreiche die Vögelchen mit Butter, grille sie liebevoll-zart in etwa zehn Minuten durch und serviere sie – Bratensaft unbedingt auffangen! – auf einem Teller goldgelben Maispürees. Dann hat man „Polenta e Osèi“, ein Nationalgericht der norditalienischen Lombardei.

Um dem Geschmack der Bürger entgegenzukommen und um den politischen Wechsel von einer rot-grünen zu einer rechts-konservativen Nationalregierung zu nützen, hat die Region Lombardei nun die italienischen Jagdgesetze stark aufgeweicht. Vom 21. September an dürfen dreimal so viele Berg- und Buchfinken gejagt werden wie bisher – insgesamt 835.000. Von den Staren sind 250.000 Exemplare zum Abschuss freigegeben, doppelt so viele wie noch vor einem Jahr. Insgesamt, so freut sich Alessandro Sala, Jagd-Assessor der Provinzverwaltung Brescia, „sind das Zahlen, die wir nie zuvor erreicht haben“.

Umweltschützer und Grüne hingegen halten den norditalienischen Alleingang – die Region Venetien hat ein ähnliches Sondergesetz erlassen – für einen Verstoß gegen die Verfassung und die EU-Richtlinien. Stare etwa sind im Rest des Landes geschützt.

Aber auch das will Landwirtschaftsminister Luca Zaia mit einer Eingabe bei der EU-Kommission in Brüssel ändern. Schließlich fügten die schwarz glitzernden Vögel „der Landwirtschaft fortlaufend schwere Schäden zu“. Und schließlich dürften sie auch in Spanien, Portugal, Frankreich und Griechenland geschossen werden.

 

Lockvögel gegen Artgenossen

Wenn's nur beim Schießen bliebe. Über die Lombardei führen im Herbst die wichtigsten Routen der Zugvögel in Richtung Süden. Die orangerot leuchtenden Früchte eigens angepflanzter Ebereschen versprechen reiche Nahrung für die Tiere, die vom Flug über die Alpen erschöpft sind. Doch darunter verbergen sich große Netze, Leimruten und andere Spezialfallen. Zusätzlich dazu müssen gefangene Artgenossen als „Sirenen“ herhalten: Sie singen herzzerreißende Lieder, um die vorbeiziehenden Freunde anzulocken.

Auch diese Art der Jagd – nämlich die mit „Lockvögeln“ – ist von diesem Jahr an wieder erlaubt, auch wenn Kritiker sie für Tierquälerei halten: Kein Vogel, so sagen sie, singe freiwillig im Herbst, sondern nur dann, wenn ihm mit gezielter Hell-Dunkel-Haltung das Gefühl für Jahreszeiten genommen worden sei und er sich im Frühjahr wähne.

90.000 Jäger sind in der Lombardei, 60.000 im Veneto registriert. Schon vor der aktuellen Erhöhung der Quoten haben sie pro Saison 1,1 Millionen Vögel erlegt. 806.000 Jäger gibt es in ganz Italien – nur noch halb so viele wie 1990. Dazu kommen immer noch zahlreiche Wilderer. In ganz Österreich gibt es übrigens „nur“ etwa 110.000 Frauen und Männer, die einen Jagdschein besitzen.

 

„Wir schützen die Jäger“

Die Lombardei wehrt sich gegen die Kritik der Tierschützer: Man genehmige, je nach Art, den Abschuss von höchstens drei Prozent der Zugvögel, sagt man in Mailand, die EU-Richtlinien erlaubten bis zu fünf Prozent.

Und der rechte Regionalpolitiker Carlo Saffioti, der – im gewandelten politischen Wind, der von Rom aus weht – das neue Gesetz entworfen hat, fügt hinzu: „Die jetzt beschlossenen Abschusszahlen lassen den noblen, alten Jagdtraditionen der Region endlich Gerechtigkeit widerfahren. Wir schützen die Jäger, bisher wurden sie allzu oft kriminalisiert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)