Meine Heimatstadt Prag, vor 40 Jahren, in jenem „Frühling“ 1968. Ja, es gab Fernsehdebatten und Zeitungskommentare von einer Offenheit und kritischen Schärfe, die mich denken ließen: Wenn wir das in Österreich nur auch hätten! Dann kam die Nacht zum 21. August.
Prag, November 1989. Dicht gedrängt stehen die Menschen, ich unter ihnen, auf dem Wenzelsplatz. Wir alle blicken hinauf zum Balkon des Gründerzeithauses, wo sich in diesen Tagen das Drama der Samtenen Revolution abspielt. Regie führt Václav Havel, und die Akteure wechseln mit jedem Tag. Freigelassene politische Gefangene treten auf, Künstler, Wissenschaftler. Und dann sagt der Platzsprecher einen besonderen Gast an: Alexander Dubcek.
Applaus braust auf. Von diesem Alexander Dubcek hat man seit Jahren nichts mehr gehört. Man weiß nur, dass er irgendwo in der Slowakei einen kleinen Job hat. 1968 war er der Mann der Hoffnung, sein Name weltweit ein Synonym für die Erneuerungsbewegung des Prager Frühlings. Und jetzt steht er also leibhaftig da, ein freundlicher älterer Herr, und hält eine Rede. Aber schon nach ein paar Sätzen wird klar, dass er den Menschen von 1989 nichts mehr zu sagen hat. Ein Mann von gestern, der immer noch vom Sozialismus mit menschlichem Gesicht träumt. Als er endet, ist der Applaus höflich, aber schütter. Dubcek ist Vergangenheit. Die neue Ära, die jetzt anbricht, hat andere Helden.
Ich war 1968 Redakteurin der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ und verheiratet mit Franz Marek, Mitglied des Politbüros der Kommu-
nistischen Partei Österreichs. Ich hatte für dieZeitung aus Paris überdie Demonstrationen derStudenten berichtet undaus Kuba anlässlich der Ermordung von CheGuevara, als dieser dieSaat der Revolution nachBolivien tragen wollte. Die Erste Welt und die Dritte Welt waren im Aufbruch. Und jetztrührte sich auch noch etwas im Ostblock, in der Zweiten Welt! Der Wind der Veränderung, der von links wehte, streifte auch das gemütliche Österreich. Man horchte auf, man war begierig auf das, was sich da jenseits der Grenzen, in West und Ost, zu ereignen im Begriff war. Und noch dazu in Böhmen, meinem Geburtsland. Ich fuhr neugierig in meine Heimatstadt Prag in jenem Frühling. Es waren die magischen Wochen und Monate zwischen dem Jänner, als der allmächtige KP-Chef Antonín Novotný abgelöst wurde, die Personifikation des alten Regimes, und dem August, als die Panzer dem schönen Traum vom befreiten Sozialismus ein Ende machten. Journalisten aus aller Welt strömten damals in die tschechoslowakische Hauptstadt und staunten über die Veränderung, die über die graue und triste Ostblockstadt gekommen war.
Die Stimmung jener Tage schildert Heda Margolius Kovály, Witwe eines der Hingerichteten im Slánský-Prozess der Fünfzigerjahre, in ihren Erinnerungen. „Gruppen von Studenten saßen auf den Stufen des Jan- Hus-Denkmals auf dem Altstädter Ring, wo sie bis zum Morgengrauen Gitarre spielten und sangen. Die Menschen bevölkerten massenhaft die engen Straßen der Prager Altstadt und die Höfe des Hradschin bis tief in die Nacht. Wenn jemand allein spazieren ging, traf er schon bald mit einer Gruppe zusammen, und sogleich unterhielt man sich oder hatte einen Witz zu erzählen, und wir alle hörten mit Erleichterung, wie die uralten Mauern das Gelächter zurückwarfen. Ich habe nie geglaubt, dass das Leben so wunderbar sein kann, sagte meine Freundin. Dass die Menschen so deutlich spüren, dass sie zusammengehören. Sieh dich bloß um.“ –Auf dem Jänner-Plenum des Zentralkomitees der KPC war Alexander Dubcek anstelle von Antonín Novotný zum Ersten Sekretär der Partei gewählt worden. Er war ein Kompromisskandidat, aber er hatte saubere Hände.Anständigkeit ist aucheine politische Kategorie, sagte Franz Marek, der die Entwicklung in der „Bruderpartei“ begeistert begrüßte.Jetzt ging die Erneuerung in Riesenschritten voran. Daran hatten nicht so sehr die Politiker ihren Anteil als vielmehr die Öffentlichkeit, voran die Schriftsteller und Journalisten. Einer der ersten Reformschritte der neuen Führung war die Aufhebung der Zensur. Die Wochenzeitschrift des Schriftstellerverbandes, „Literárny Noviny“, zeitweilig verboten, durfte wieder erscheinen und entwickelte sich sofort zum Zentralorgan der kritischen Geister im Lande. „Wir hatten ei- ne Auflage von 130.000“, erinnert sich Antonín Liehm, einer der Mitherausgeber, „und waren jedesmal gleich nach Erscheinen ausverkauft.“ Es gab Fernsehdebatten und Zeitungskommentare von einer Offenheit und kritischen Schärfe, die mich manchmal denken ließen: Wenn wir das in Österreich nur auch hätten! Vehement forderte die Öffentlichkeit, Antonín Novotný, der nach seiner Demontage als Parteichef das Amt des Staatspräsidenten behalten hatte, solle zurücktreten. Noch im März kam er dieser Forderung nach.
Und die Reform ging weiter. Ein „Aktionsprogramm“ der Kommunistischen Parteiwurde verabschiedet. Es forderte ein Endeder Kommandowirtschaft, Autonomie für die Betriebe, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Mitsprache der Bevölkerung im Rahmen einer „sozialistischen Demokratie“. Neue Leute rückten in die Parteiführung ein,Josef Smrkovský darunter, in der Zeit der deutschen Okkupation im Widerstand, in der Stalinzeit vier Jahre im Gefängnis, Frantisek Kriegel, einst Arzt der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, Zdenek Mlynár, Hauptautor des Aktionsprogramms, später Unterzeichner der Charta 77, und Ota Sik, der „Vater“ der Wirtschaftsreform. Und das ganze Land nahm Anteil. Früher waren die Bonzen „da oben“ den Leuten herzlich egal gewesen. Jetzt wusste jeder, wer in der Führung Reformer, wer Hardliner war, und diskutierte vehement das Hin und Her der „fortschrittlichen“ gegen die „konservativen“ Kräfte.
Alexander Dubcek war populär wie kaum ein Politiker seiner Zeit. „Jeden Morgen“, schreibt Heda Margolius Kovály, „warteten zahlreiche Frauen auf der Treppe des einst gefürchteten Gebäudes des Zentralkomitees,um Dubcek bei der Ankunft in seinem Büro zu begrüßen. Sie überreichten ihm Blumen oder selbst gebackenen Kuchen. Kinder schenkten ihm ihre Teddybären als Talisman. Keiner ließ die Gelegenheit aus, ihn im Fernsehen zu sehen. Es war einfach ein Vergnügen, einen Parteifunktionär anzuschauen, der gelegentlich ins Stottern geriet und dem immer wieder die Brille von der Nase rutschte...“ – Im Juni fuhr ich mit meinemMann nach Prag. Franz hatte es geschafft, die Führung der kleinen KPÖ auf „eurokommunistischen“ Kurs zu bringen, und bemühte sich, mit Hilfe seiner Freunde in der italienischen KP, die westeuropäischen kommunistischen Parteien zur Unterstützung der Prager Reformer zu mobilisieren (vergeblich, wie sich später zeigte). Wir trafen Jirí Pelikán, den Chef des mittlerweile praktisch unabhängigen tschechoslowakischen Rundfunks, Kriegel, Mlynár, Eduard Goldstücker, den Präsidenten des Schriftstellerverbandes. Dieser kleine Mann mit dem Holzschnittgesicht, anerkannter Germanist, hatte im Jahr davor die berühmte „Kafka-Konferenz“ organisiert. Der österreichische Kommunist Ernst Fischer war einer der Hauptredner gewesen und hatte für Franz Kafka „ein Dauervisum in die Tschechoslowakei“ gefordert. Kafka war bis dahin in seiner Heimat als „dekadenter“ Schriftsteller verpönt gewesen.
Alle Gesprächspartner waren gedämpftoptimistisch. Auch Ota Sik, mittlerweile Wirtschaftsminister, zeigte sich sorgenvoll. Das Wirtschaftsprogramm würde so lange nicht greifen, meinte er, wie in den Betrieben die alten Kader säßen, die alles blockierten.
Am letzten Tag saßen wir im Kaffeehaus beim Frühstück, als einer unserer Prager Freunde aufgeregt herbeigelaufen kam, die Zeitung in der Hand. Da stand das Manifest „Zweitausend Worte“, gerichtet an „die Arbeiter, die Landwirte, die Beamten, die Künstler, an alle“. Jetzt komme die Urlaubszeit, hieß es darin, „aber wetten wir, dass unsere lieben Widersacher sich keine Sommerpause gönnen werden“. Daher müssten die Bürger nun ihre Sache selber in die Hand nehmen, in den Betrieben, in den Bezirken, in Bürgerinitiativen und -kommissionen, mit Demonstrationen und Resolutionen demokratische Reformen und neues Personal an entscheidenden Stellen fordern und durchsetzen. „Dieses Frühjahr ist eine große Chance. Sie wird nicht wiederkommen. Im Winter werden wir es wissen.“ Ludvík Vaculík, einer der besten und witzigsten Autoren des Landes, hatte den Text formuliert, Wissenschaftler hatten ihn angeregt. Für jedes dieser Worte, meinte Franz später lakonisch, hatten die „lieben Widersacher“ drei Panzer und 200 Soldaten nach Prag geschickt.
Denn inzwischen war die Führung der Sowjetunion unruhig geworden. Novotnýs Ablöse hatte der sowjetische KP-Chef Leonid Breschnew noch gebilligt, aber die zunehmende Demokratisierung der Öffentlichkeit rief das Gespenst der „Konterrevolution“ auf den Plan. Der Parteichef Walter Ulbricht aus der DDR kam und war beleidigt, weil er nur „Dubcek“-Rufe und keine „Ulbricht“-Rufe hörte. Das sei ein schweres Vergehen gegen den proletarischen Internationalismus, ließ er seine tschechischen Genossen wissen. Im Mai trafen sich die Führer der Sowjetunion, der DDR, Bulgariens, Polens und Ungarns in Warschau, um über die Lagein der CSSR zu beraten. Im Juni gab es gemeinsame Manöver der Warschauer-Pakt-Staaten im Böhmerwald. Ende Juli und Anfang August trafen sich die Führungsspitzen der Sowjetunion und der Tschechoslowakei zunächst im GrenzortCierna an der Theiß und dann in Pressburg. Das Ergebnis schien für die Tschechen zunächst einigermaßen beruhigend:Sie sollten die „Exzes-
se“ der Demokratisierung einbremsen, dafür wollte sich die Sowjetunion nicht weiter indie inneren Angelegenheiten ihres Verbündeten einmischen. Die tschechoslowakische, aber auch die internationale Öffentlichkeit verfolgte diese Gespräche mit angehaltenem Atem. In Cierna setzten sich die Einwohner auf die Eisenbahngleise, weil Dubcek sich eines Abends zu einem Vieraugengespräch mit Breschnew in dessen Waggon begeben hatte. Die Botschaft war: Wenn ihr unseren Mann mitnehmt, müsst ihr zuerst uns überfahren.
Auch in Österreich spürte man die Auswirkungen des Ringens zwischen Reformern und Hardlinern. Franz Marek hatte als Chefredakteur der linken Zeitschrift „Tagebuch“ unseren Freund Antonín „Tonda“ Liehm zu einem Vortrag nach Wien eingeladen. Die Veranstaltung wurde von orthodoxen Kommunisten aus dem Parteiapparat der KPÖ gesprengt. Tonda war damals, wie die meisten Linken, eher zuversichtlich, während die meisten Rechten dem „Frühling“ keine lange Dauer prophezeiten. Auch Franz Marek hielt die unmittelbare Gefahr einer Intervention für gebannt. Wir fuhren auf Urlaub nach Meran – und lasen, als wir am Morgen des 21.August die Zeitung aufschlugen, die unglaubliche Schlagzeile „Gli carrozzi sovietici sono entrati a Praga“.
Im Eiltempo zurück nach Wien. Ich versuchte, nach Prag zu fahren, gemeinsam mit meiner Prager Freundin Vera und deren kleinem Sohn. Sie hatte als junge Ärztin ein Praktikum in Wien absolviert, auch das eine Errungenschaft der Liberalisierung. Eine Nacht lang beratschlagten wir: Sollte sie zurückkehren in die Heimat? Oder hierbleiben, in der Emigration? Der achtjährige Dominik wollte heim zu seinen Freunden. Wir fuhren mit dem Auto an die Grenze. Vera und Dominik ließen die Grenzer durch, mich schickten sie zurück. Vera winkte zum Abschied, Tränen in den Augen. Die nächsten 20 Jahre sollte sie ihre Heimat nicht mehr verlassen dürfen. – Die Prager Schauspielerin Vlasta Chramostová war an jenem 21.August nachts um vier Uhr von Freunden angerufen worden: „Die Russen sind da.“ Mit ihrem Lebensgefährten, dem Kameramann Stanislav Milota, fuhr sie sofort in die Stadt. „Am Graben begegneten wir einem Zug Menschen, die in Richtung des Parteigebäudes unterwegs waren“, berichtet sie in ihren Erinnerungen, „in der ersten Reihe tschechoslowakische Fahnen.“ Vor dem Rundfunkgebäude wurde geschossen. Am Wenzelsplatz lagen von Panzern plattgewalzte Autos. Und um jeden Panzer drängten sich die Menschen und versuchten, in ihrem Schulrussisch mit den Soldaten zu diskutieren. „Wisst ihr überhaupt, wo ihr seid?“, hörte Frau Chramostová jemanden sagen. Die Antwort: „In Westdeutschland.“ Vor dem Gebäude des Zentralkomitees, dem großen Jugendstilhaus am Moldauufer, stauten sich die Menschen. Die Fenster waren hell erleuchtet. Die Schauspielerin war dabei, als ein junger Tscheche von einem nervösen Sowjetsoldaten erschossen wurde. Er fiel ihr direkt vor die Füße. Oben im Haus ging ein Fenster auf,ein Mann blickte heraus. „Das war Smrkovský“, raunten die Leute einander zu. Smrkovský, der Mann mit der Igelfrisur, war der populärste unter den Reformern.
Diese Szene schildert auch Zdenek Mlynár in seinem Erinnerungsbuch „Nachtfrost“. Er war als ZK-Sekretär unter jenen Parteiführern, die noch in der Nacht von den Invasoren festgenommen wurden. Josef Smrkovský hatte damals den kommandierenden russischen Offizier angebrüllt, er mache ihn persönlich für den Tod des jungen Mannes verantwortlich. Noch hatten die Reformpolitiker nicht mitbekommen, dass sie Gefangene waren und nach dem sowjetischen Plan vor ein „Revolutionstribunal“ gestellt werden sollten. Die moskautreuen Mitglieder der Parteiführung, die die Sowjetunion um „brüderliche Hilfe“ gebeten hatten, sollten derweil eine „revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung“ bilden. – Einer, der sich von alldem nicht aus der Ruhe bringen ließ, war Frantisek Kriegel. Jetzt gelte es, Schlaf nachzuholen, am nächsten Tag werde man einen klaren Kopf brauchen, ließ er seine Kollegen wissen. Sprach's, legte sich der Länge nach auf den Teppich, die Aktentasche unter dem Kopf, und war innerhalb von wenigen Minuten eingeschlafen. Er wurde später von den anderen isoliert, schließlich sei er, wie der sowjetische Parteifunktionär Pjotr Schelest meinte, „nur ein galizischer Jude“. Kriegel nahm's gelassen. „Was können sie schon mit mir machen? Entweder sie schicken mich nach Sibirien, oder sie erschießen mich. Damit rechne ich, und deshalb werde ich auch nichts unterschreiben.“
Aus der revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung wurde nichts. Die tschechoslowakischen Politiker wurden nach Moskau verschleppt und dort eine Woche lang unter Druck gesetzt, bis sie das sogenannte „Moskauer Protokoll“ unterzeichneten. Es war, mit einigen entgegenkommenden Floskeln verbrämt, die Kapitulation. Als Dubcek zurückkam und darüber berichtete, war seine Stimme von Tränen erstickt. Er hatte kapituliert, um Schlimmeres zu vermeiden, meinte er später. Eine Unterschrift fehlte auf dem Dokument: die von Frantisek Kriegel.
Die Tage und Wochen nach der Invasion waren die große Epoche des tschechischen gewaltlosen Widerstandes. Heda Margolius Kovály erinnert sich: „Straßenschilder verschwanden oder wurden umgedreht, damit die Invasoren sich in der Stadt nicht zurechtfanden. Straßen wurden in ,Dubcek-Straße‘ umbenannt. Die Fahrzeugkennzeichen der sowjetischen Sicherheitspolizei wurden in riesigen Ziffern an die Hauswände gemalt. Rundfunk- und später auch Fernsehstationen wurden in provisorischenStudios eingerichtet und immer wieder verlegt,um sie vor dem Zugriff der Russen zu schützen. Gleichzeitig wurde der Zug, der russische Peilgeräte zum Aufspüren der Sender transportierte, von tschechischenEisenbahnern umgeleitet und tagelang von ei- nem Abstellgleis aufsandere rangiert.“ Überall wehten tschechoslowakische Fahnen.Überall erschienen Losungen: „Mörder raus! Gebt uns Dubcek zurück! Zurück nach Moskau!“ Und der berühmt gewordene Slogan: „Lenin, wach auf, Breschnew ist durchgeknallt!“
Die Betriebe traten in den Generalstreik. In den Prager CKD-Werken fand, heimlich und blitzschnell einberufen, der reguläre 14.Parteitag der KPC statt. Er wählte eine neue Parteiführung – ohne die moskautreuen bisherigen Mitglieder –, erklärte sich solidarisch mit den verschleppten Reformern und verlangte den sofortigen Abzug der fremden Truppen. Aber irgendwann ebbte der Widerstand ab. Es begann die lange, bittere, trostlose Zeit der „Normalisierung“. Zehntausende KP-Mitglieder verloren ihre Parteimitgliedschaft. Zehntausende Tschechen verloren ihren Job. Zehntausende emi- grierten. Etliche gingen nach Österreich, unter ihnen Zdenek Mlynár. Er arbeitete längere Zeit im Wiener Naturhistorischen Museum, in der Insektenabteilung.
Frantisek Kriegel habe ich später noch in Prag besucht. Er lag todkrank im Spital. Seine Frau führte mich zu ihm. Er hatte sich, Gentleman, der er war, dafür extra rasieren lassen. Seine Abschiedsworte klingen mir heute noch im Ohr: „Mädel, bleib, wie du bist.“
Auch die österreichische Kommunistische Partei erlebte ihre „Normalisierung“. Franz Marek und Ernst Fischer wurden ausgeschlossen. Mit ihnen gingen die meisten Intellektuellen und die meisten Mitglieder der Jugendorganisation und der Gewerkschaftsfraktion. In den großen kommunistischen Parteien Westeuropas ereignete sich Ähnliches. Sie haben sich von diesem Schlag nie mehr erholt.
Und heute? 40 Jahre nach dem Ende des Prager Frühlings haben die Tschechen keine besondere Lust, diese Epoche ihrer Geschichte besonders zu feiern. Den Widerstand gegen die Invasion ja, aber die Sache selbst? Den Versuch, ein System zu reformieren, das es nicht mehr gibt – und der obendrein gescheitert ist? Viele sehen das Ganze heute vorwiegend als einen Familienstreit unter Kommunisten.
Die Menschen, die die Bewegung trugen, sind inzwischen mehrheitlich tot. Diejenigen, die nach 1989 aus der Emigration zurückkamen, wurden in ihrer Heimat nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Man hatte nicht auf sie gewartet. Viele gingen ins Ausland zurück.
Waren die Protagonisten des Prager Frühlings naiv? Waren sie Opfer einer Illusion? „Was in der Tschechoslowakei geschah, bis die Panzer es niederwalzten“, schrieb der Österreicher Ernst Fischer kurz vor seinem Tod, „war die Rechtfertigung unseres Daseinsals Kommunisten, mit all den Irrtümern, Verfehlungen, die wir uns vorzuwerfen haben.“ Der 21.August war für ihn „das Ende einer Illusion“. Der Tscheche Ludvík Vaculík sieht die Sache nüchterner. „Nein, wir hatten keine Illusionen“, antwortete er kürzlich in Wien auf eine diesbezügliche Frage, „wir haben einfach getan, was zu tun war.“
In den Jahren nach der Invasion gingen die meisten Tschechen, die nicht emigriert waren, in die innere Emigration. Die Zivilgesellschaft zog sich in eine Art Winterschlaf zurück – um 20 Jahre später im „Völkerfrühling“ 1989 neu zu erwachen. Manche sagen, der Prager Frühling von 1968 war die Generalprobe.■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)