Usain Bolt lief neuerlich Rekord und ist unangefochten der schnellste Mann der Welt. Die Fabelzeit von 9,69 Sekunden bei seinem 100-Meter-Sieg begeistert, irritiert aber ob ihrer Einzigartigkeit.
PEKING. Er tanzte Reggae-Schritte, posierte wie ein siegreicher Preisboxer gestenreich vor der neben ihm hertrabenden Fotografen-Herde und hielt sich neben seine nach Luft japsenden Lippen das goldene Schuhwerk, das ihm sein Ausrüster eigens für das 100-m-Finale in Peking angefertigt hatte. Puma tat gut daran, denn der Jamaikaner Usain Bolt (21) schockierte seine Konkurrenz und die knapp 91.000 Zuschauer. Mit der absoluten Leichtigkeit des Seins trommelte er 41 Schritte in die Tartanbahn um nach 9,69 Sekunden als schnellster Mann der Welt die Ziellinie zu überqueren.
Doch der Luxus, bereits nach 80 Metern „abzustellen“, sprich nicht mehr mit Highspeed und eng anliegenden Armen hochkonzentriert zu laufen, und seine Verfolger damit eigentlich zu verhöhnen, hinterließ einen schalen Nachgeschmack. Die Ohrfeige für seine Gegner fällt noch schallender aus, fällt der Blick auf seine Schuhe: Der Jamaikaner lief mit offenen Schuhbändern. So kraftvoll sich Usain Bolt nach diesen magischen 9,69 Sekunden auch auf die Brust klopfte, es irritiert ebenso wie der größte Abstand zum Zweitplatzierten seit vierzig Jahren: 0,2 Sekunden. Das sind im 100-m-Lauf Welten.
Die verlorene Unschuld
Olympia und die Leichtathletik hatten 1988 ihre Unschuld verloren mit den Spielen in Seoul und Ben Johnson. Der Kanadier hatte Carl Lewis stehen lassen wie einen Schuljungen, der den Bus verpasst hat, und wenig später für seine „Provokation“ die Rechnung (Doping mit Stanozonol wurde nachgewiesen) bezahlt. Bolt setzte 2008 sogar noch eines drauf, indem er sich gleich zwanzig Meter nur noch auf Gold freute und mit seinen Händen fuchtelte. Am 24. September jährt sich die Johnson-Saga zum zwanzigsten Mal. Seine Zeit von damals, es waren 9,79 Sekunden, hätte 2008 noch für Silber gereicht. In der Weltbestenliste läge sie, wäre sie nicht vom Weltverband gestrichen worden, allerdings nur noch an zehnter Stelle.
Wer lief diese neun besseren Zeiten? Es sind nicht „Figuren“ der 1980er- und 1990er-Jahre, die in den Geschichtsbüchern als die Doping-Epoche gelten. Es sind Läufer der Gegenwart, Menschen von heute: Bolt, Asafa Powell (Jam) und Tyson Gay (USA). Gleich sechs Läufer blieben unter zehn Sekunden, offenbar hat sich der Mensch verändert. Usain Bolt sieht es, und wenn er von 9,65 oder 9,59 Sekunden träumt, klingt es angesichts der Gelassenheit, die in seinen Worten mitschwingt, beängstigend glaubhaft. „Alles ist möglich. Der Körper verändert sich, natürlich. Man weiß ja nie.“ Irgendwann wird auch diese Zeitgrenze fallen...“
Karibik im Freudentaumel
Aber nicht nur in Kingston oder Bolts Heimstadt Trelawny wurde gefeiert, die ganze Karibik steht seit diesem Wochenende Kopf. Jamaika gewann dank des 1,93-m-Mannes erstmals offiziell Olympia-Gold, die Herrschaften Lindford Christie (1992, GBR) und Donovan Bailey (CAN, 1996) hatten zuvor ihre Pässe getauscht.
Im 100-Meter-Finale dieser Spiele standen mit Bolt, Asafa Powell und Michael Frater drei Jamaikaner. Dazu kamen Richard Thompson (Trinidad/Tobago), der mit 9,89 Sekunden Silber gewonnen hatte, und sein Landsmann Marc Burns. Das Karibik-Spektakel bot aber auch Churandy Martina auf, einen Mann von den niederländischen Antillen. Den zwei Amerikanern im Rennen blieb, trotz Bronze für Walter Dix, nur noch die Statistenrolle. Ähnliches kündigt sich über die 200-m-Distanz an, mit Bolt an der Spitze, seiner Lieblingsstrecke.
Wer weiß, vielleicht hat er ja Lust bekommen, noch einmal der Welt den Atem zu nehmen. Dafür müsste er nur unter 19,32 Sekunden (1996, Weltrekord von Michael Johnson, USA) bleiben. Dann hätte Teamarzt Herb Elliott erneut mit einer Belagerung zu rechnen. Er wurde in den Katakomben des Pekinger Olympiastadions von TV-Teams und Reportern regelrecht eingekreist und musste sich rechtfertigten, warum karibische, speziell aber Jamaikas Sprinter 2008 so schnell sind. Es klang nahezu auch wie der Refrain eines Bob-Marley-Klassikers, als er betonte, dass sicher nicht gedopt werde oder wurde und niemand auch nur irgendetwas genommen habe.
Wie Hard Rock und Eiskunstlauf
Das Olympia-Finale 2008 sollte ein Rennen der Glaubwürdigkeit sein. Der Glaube daran hat in 9,69 Sekunden bei vermutlich sehr vielen Kritikern und Skeptikern heillos die Flucht angetreten. Bei allen anderen bleibt das angenehme Gefühl zurück, endlich einen sauberen Sieger feiern zu können. Einen Mann mit der Liebe zum Tempo und dem richtigen Taktgefühl. Obwohl Reggae und Highspeed wahrscheinlich genauso gut zusammenpassen wie Hard Rock und Eiskunstlauf. Usain Bolt sind all diese Zweifel vollkommen egal. Er wird weiter „tanzen, Spaß haben“ und ein Karibik-Flair auf die Laufbahn zaubern. Welche Sportart würde nicht nach so einer Gallionsfigur lechzen?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2008)