Michael Phelps erfüllt seine Peking-Mission mit acht Goldmedaillen. Der 23-jährige Amerikaner ist der „Abräumer“ und Star dieser Spiele.
PEKING. Im Schwimmbecken kann ihm niemand das Wasser reichen. Buchstäblich nicht. Das hat der Amerikaner Michael Phelps mit acht Goldmedaillen bei den Spielen in Peking eindrucksvoll bewiesen. Doch ruft Mutter Debbie nach dem 23-Jährigen, steht der Kraftprotz sofort Gewehr bei Fuß. In Peking konnte Debbie Phelps oftmals rufen, weinen und mit ihr sang ganz Amerika auch achtmal bei der Hymne mit. Ihr Sohn war schon vor den Spielen ein gemachter Mann, doch nachdem er den Rekord von Mark Spitz (1972, sieben Goldene) gebrochen, sogar um einen Sieg verbessert hat und nun als erfolgreichster Sommer-Olympionike bei vierzehn Goldenen hält, ist er endgültig „unsterblich“ in der Sport-Historie verankert.
Das freut zwar seine Mutter, letztlich ist ihr das Leben und das Wohlbefinden ihres Kindes wichtiger. „Er konnte in der Schule nicht still sitzen, er litt unter Aufmerksamkeitsstörungen. Er ist schwimmen gegangen, das hat ihm gefallen. Bahn um Bahn wurden seine Ängste geringer. Das ist das wirklich Schöne an seinen Erfolgen.“ Alles, was im Leben passiere, habe eben gewisse Folgen...
„Eine Art Bestimmung“
Dass die Zahl Acht in Asien als „Glückszahl“ gilt, musste man dem Amerikaner aber schon noch einmal deutlich vor Augen führen. Vermutlich, antwortete er, werde sie nun auch seine Glückszahl sein. „Ich glaube, das war die beste Woche meines Lebens. Die Spiele begannen am 8. August um 20:08:08 Uhr. Es war irgendwie eine Art Bestimmung für mich. Ich wollte diese acht Medaillen gewinnen, und das habe ich gemacht.“
Damit sieht Baltimores derzeit bekanntester Mann seine Mission als erfüllt an. Obgleich ihn Ausrüster Speedo – wie versprochen – mit der Prämie von einer Million Dollar belohnte, zeigte er bereits größeres Interesse am Flugplan. Sein größter Wunsch sei es nämlich, „einfach nur nach Hause zu fahren und in meinem eigenen Bett zu liegen!“ Der Rummel um seine Person scheint ihm genug, im Rampenlicht zu stehen kostet viel Kraft. Unschlagbare Sport-Helden haben also durchaus menschliche Züge...
Wer sich Phelps' Bilanz ansieht, kann sich vermutlich nur wundern: Er startete in acht Bewerben (200 und 400 m Lagen, 100 und 200 m Delfin, 200 m Kraul und den Staffeln über 4 x 100 und 200 m Kraul sowie 4 x 100 m Lagen) und landete dabei sieben Weltrekorde. Nur einmal, über 100 m Delfin, war es knapp. Da retteten ihm 0,01 Sekunden den „Schnitt“, Michael Phelps aber lässt das vollkommen kalt. Das habe ihm Coach Bob Bowman eingeimpft, so habe er es auch umgesetzt. Und Rekorde, die wären doch ohnehin nur da, um gebrochen zu werden, sagt Phelps mit einem breiten Grinsen: „Mit Rekorden verhält es sich ungefähr so, als lege man Geld auf sein Konto. Ich trainiere jeden Tag mehrere Stunden, irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man eine oder mehrere Behebungen vornimmt.“ Was seine Konkurrenten als schweren Überfall einstufen, ist für ihn also nur ein Besuch beim Bankomaten? Phelps: „Was soll ich tun? Es lief einfach alles perfekt für mich und die Zeit war reif...“
Mond- und Marslandung
Michael Phelps lebt in gewisser Weise in seiner eigenen Welt. Daran lässt er auch keinen Zweifel aufkommen, als er auf seinen Vorgänger Mark Spitz angesprochen wird. Dieser habe seine Erfolge und die von Phelps mit Mond- und Marslandungen verglichen und sich damit offensichtlich den Unmut des größten Schwimmers der Gegenwart zugezogen. Mit solchen Vergleichen habe er nichts am Hut, auch wolle er „bitte nicht“ der zweite Spitz sein. „Ich bin Michael Phelps, der Erste. Er war ein großartiger Sportler, und er soll es auch bleiben. Aber auch ich habe etwas Besonderes geschafft, weil ich es unbedingt wollte, also möchte ich auch so gesehen werden. Es waren doch Tonnen von Eindrücken und schöne Momente, oder?“
So, wie es daheim in Baltimore ohnehin jeder mit ihm bereits seit Jahren mache. Man sieht ihn als den „nice guy“ von nebenan. Als einen von ihnen, der eben der ganzen Welt im Schwimmbecken nur seine ziemlich großen Fußsohlen zeigt. Gut möglich also, dass es dem Football-Fan der Ravens passieren kann, dass er eines Tages im Stadion sitzt und keiner erkennt ihn als einen Schwimmer und erfolgreichsten Sommersportler aller Zeiten. Michael Phelps wäre das wahrscheinlich gar nicht einmal so unrecht.
ZUR PERSON
■Michael Phelps (* 30. Juni 1985 in Baltimore, USA) ist mit 14 Goldmedaillen der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten.
■Phelps gewann 2004 in Athen sechsmal Gold, bei den Spielen 2008 in Peking achtmal (100 m Delfin, 200 m Delfin, 200 m Kraul, 200 m Lagen, 400 m Lagen, 4 x 100 m Kraul, 4x200 m Kraul, 4 x 100 m Lagen).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2008)