Ein szenischer Totalausfall provoziert wütend Publikums-Proteste. Doch musikalisch ist die Dvořák-Oper dank Franz Welser-Möst und einem Traum-Ensemble von erlesener Qualität.
Eine Premiere von Festspielformat hätte das werden können, wäre der Vorhang nur unten geblieben und das Publikum hätte sich zum Klangtheater, das Franz Welser-Möst mit seinem Cleveland Orchestra samt einem bis in die kleinste Partie erlesenen Sängerensemble entfesselte, die passen Bilder imaginiert.
Der Vorhang ist leider aufgegangen, hat den Blick auf ein unsäglich hässliches Wohnzimmer freigegeben, das, wie sich herausstellte, der Empfangsraum eines Bordells sein sollte (denn die Wassernixen gebärden sich wie Verteterinnen des ältesten Gewerbes). Und in die blutige Anfängerin Rusalka, die unglenk auf den eben durch Hexenzauber gewonnen Menschenbeinen daherstackst verliebt sich der fesche Prinz. Er besingt sie, offensichtlich ist er kurzsichtig, als "Märchen", als „goldenen Stern in düstrer Nacht".
Wütende Buhrufe des Festspielpublikums machten dem angestauten Ärger über die hier konsequent betriebene Poesie-Vermeidung Luft. Diese Rusalka, voll von dümmlichen Dramaturgen-Mätzchen und bar jeglichen Märchen-Zaubers war tatsächlich lediglich ein musikalisches Ereignis.
Ein Tenor von Traumformat
Das freilich von idealtypischem Zuschnitt. Besser kann man Dvořákbedeutende präimpressionistische Opernfabel heute kaum besetzen, einen Prinz an der Spitze, der noch die undankbarste Melodieführung in pures Vokalgold umzuwandeln imstande ist: Piotr Beczala macht vergessen, dass Antonín Dvořák nicht immer liebevoll mit seinen Hauptdarstellern umgeht. Wichtig war dem Meister des böhmischen Belcanto seine ureigenste Melodik. Die schraubt die Vokallinien des öfteren in gefährliche Höhen. Beczala verleiht auch extrem gelegenen Phrasen noch den vollen Schmelz seines prächtigen Tenors. Nicht einmal auf Schallplatten ist eine dermaßen edel klingende, sichere, dabei bewegende Gestaltung dieser Partie überliefert.
Dem kann die Rusalka Camilla Nylunds zwar nicht auf Augenhöhe antworten, doch gestaltet sie ihre Rolle mit überlegener Klarheit, bewältigt auch die dramatischen Ausbrüche mit Nachdruck, ohne forcieren zu müssen. Der edelmetallisch timbrierte Sopran verliert auch in den lyrischen Momenten, ganz ins Piano zurückgenommen, nicht an Konsistenz.
In Emily Magee ist eine starke Gegenspielerin gefunden: Die Partie der „fremden Fürstin" gilt als undankbar. Doch, richtig verstanden, schwingt sich diese Nebenbuhlerin der - in Menschengestalt stummen - Nixe zur dominanten Persönlichkeit auf, die von der zynischen Triumphgeste bis zum höhnischen Fluch imposante Töne findet.
Alan Held als kraftvoller, doch mitleiderregend machtloser Wassermann, Birgit Remmert als scharf charakterisierende Hexe sind perfekte Vertreter der überirdischen Zauberwelt, ein exzellentes, auch optisch bezauberndes Nixentrio ist mit Anna Prjaska, Stephanie Atanasov und Hannah E. Minutillo aufgeboten. EvaLiebau, Daniel Schmutzhard und Adam Plachetka sind die wohltönenden Vertreter der Menschengeschlechts.
Höchster musikalischer Ausdruck
Sie alle sind Protagonisten eines Bilderbogens, den das tecnisch makellose, in allen Lagen ausdrucksstark klingende Cleveland Orchestra unter der Leitung seines Chefdirigenten ins kleine Festspielhaus zaubert, mit allen Farben, allem Bilderreichtum, aller magisch-rätselhaften Imaginationskraft, die ein Märchen nur je in Kinder- (und Erwachsenen-)Seelen zu wecken vermag.
Dass ein Regieteam heutzutage nicht mehr imstande oder jedenfalls nicht willens ist, dem die adäquate optische Entsprechung zu geben, spricht vielleicht mehr gegen die Zeit, in der wir leben, als gegen die Festspielleitung. Für eine Vertrags-Vlängerung der in dramaturgischen Fragen gänzlich planlos wirkenden Intendanz st diese Premiere aber jedenfalls so wenig ein Argument wie die übrigen Opern-Novitäten dieses Sommers.