Die Dominanz der Karibik-Sprinter fußt auf Genen, dem System und einer "goldenen Generation" - nicht auf verbotene Substanzen: Die Welt-Anti-Doping-Agentur ertappte nur einen Jamaikaner.
Usain Bolt hat in 9,69 Sekunden die Sprint-Welt auf den Kopf gestellt. Bei den Damen sorgte der 100-m-Hattrick von Shelly Ann Fraser, Sherone Simpson und Kerron Stewart für Aufsehen. Während die Karibik-Insel bei den Spielen in Peking nicht einzuholen ist über die Kurzdistanzen, wundert sich der Rest der Welt über die Hintergründe dieser Dominanz.
Natürlich finden einige schnell den Grund bei effizienteren Doping-Präparaten. Doch es gibt auch viele belegbare Faktoren für die Erfolge von „Cool runnings“ auf der Tartanbahn. Auf Jamaika leben 2,7 Millionen Menschen, doch die Insel produziert Sprinter wie vom Fließband. Eine Antwort liefert das Protein „Actinen A“, welches laut einer Studie der Universitäten Glasgow und West Indies 70 Prozent der Jamaika-Sprinter in sich tragen. Was nach einer Droge oder einem „Heilmittel“ klingt, ist ein in den Muskelfasern angesiedeltes Protein, das zu stärkerer Durchschlagskraft hilft, aber auch schneller als bei anderen Menschen Aggressionen weckt.
Auf einer 100-m-Strecke ergeben diese Ansätze ein „explosives Gemisch“, Bolt zeigte es ja impressiv vor. Vielleicht hat er deshalb so reagiert und Gegner mit Gesten verhöhnt? Errol Morrison, Präsident der Universität für Technologie in Kingston, ist davon überzeugt. „Nur 30 Prozent aller Australier tragen es im Vergleich in sich. Jamaikaner sind begünstigt, und es wird noch viel mehr Bolts, Powells oder Frasers geben!“
Dass der Sprint in der Karibik ganz oben steht auf der Wunschliste vieler Kinder, ist auch durch die lange Liste der Erfolge erklärt. Herbert McKenley gewann Silber in Helsinki 1952, Lennox Miller tat es ihm 1968 (Mexiko) gleich, Donald Quarrie in Montreal 1976. Merlene Ottey, die Grand Dame der Leichtathletik, oder Veronica Campbell gewannen ebenso Silber und Bronze. Und hätten Linford Christie (Silber, Gold 92) und Donovan Bailey (96) oder Ben Johnson nicht ihre Pässe gewechselt, Jamaika wäre noch präsenter in der Olympia-Statistik als jetzt.
Zweifelhafte Theorie
Während Morrisson auf das Protein und den Muskelbau schwört, äußert Österreichs Leistungsdiagnostiker Hans Holdhaus Bedenken an dieser Theorie. „Ich halte diese Geschichte für dubios. Allerdings stimmt der Ansatz, dass Sprinter als solche geboren werden. Und Jamaikaner haben wirklich andere Muskelfasern als Europäer oder Afrikaner!“ Bei den Afrikanern würde es sich vor allem auf Langdistanzen auswirken, der Karibik-Läufer genießt lieber den Speed.
Die Welt-Anti-Doping-Agentur hält von diesen Ansätzen nichts und geht auf Nummer sicher. Sprinter Julien Dunkley wurde vor den Spielen ertappt, bei allen anderen aber ergaben Tests nichts. Ex-Weltrekordler Asafa Powell wurde es nach dem vierten Test zu bunt, er sagte: „Ihr nehmt mir so viel Blut ab, dass ich noch zu schwach werde, um zu laufen!“
Fakt ist, dass die Test-Bereitschaft in der Karibik gering ist. Das kommt Doping-Jägern ob der Erfolge eben verdächtig vor. Glen Mills, der Trainer von Olympiasieger Usain Bolt, kann das Wort Doping nicht mehr hören. „Quatsch“, sagt er und lobt das „Talent unserer Läufer, schnell zu laufen“. Derzeit gäbe es 68 Nachwuchssprinter, die vor dem Sprung an die Weltspitze wären. „Aber wenn sie mir nicht glauben, kommen sie zu den Championships in Kingston. Da sehen sie 3000 Kinder, die gegeneinander laufen!“
Mit elf Jahren wird es ernst
Diese Zahl bestätigt auch Don Anderson, Sprecher von Jamaikas Olympischen Komitee. Der „Presse“ erklärt er in einem Telefonat, dass es eine „Ehre für uns ist, Leichtathleten zu sein“. Die Vorbildrolle, die Stars der Vergangenheit und der Gegenwart einnehmen, erfüllt die Nation mit Freude.
Diese Liebe geht sogar so weit, dass sie im Schulsystem verankert wurde. Sport (TV-Renner sind trotzdem Basketball und Premier-League Fußball) dient als bester Weg aus sozialen Krisen, also beginnen Knirpse bereits in Volksschulen zu laufen. „In der High School, ungefähr mit elf Jahren, wird es ernst, dann beginnt das professionelle Training!“ Neu sei dies allerdings nicht, wirft Anderson ein, dieses System wird seit 1910 verfolgt. Damit die besten Läufer tunlichst im Land bleiben, wurden Förderungen bereit gestellt, die nur den „Besten der Besten“ zur Verfügung stehen, damit sie nicht in die USA abwandern und in der Heimat als Idole erhalten bleiben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2008)