Österreichs Herren-Team verlor gegen Südkorea den Kampf um Bronze. Einzig Robert Gardos überzeugte mit seiner Leistung. Gold sichert sich wie erwartet China.
PEKING. „Aodili, Aodili ji-ji-ji-ji!“ Tischtennis-Sportdirektor Hans Friedinger war wieder in seinem Element. Nach jedem Ballwechsel sprang der gute Mann im Gymnasium zu Peking von seinem Sitz auf und brüllte seine Anfeuerungen in die nur halb gefüllte Halle. 2000 Chinesen antworteten ihm auch und begannen so eine interessante Konversation. Friedinger rief „Aodili“, die Chinesen schrien „jia jo“ (auf Deutsch: Gebt Gas) zurück. Der Haken an der Sache: Seine Spieler vernahmen die frohe Botschaft einfach nicht. Daher wurde im Bronze-Spiel des Teambewerbes gegen Korea auch der Aufschrei von Partie zu Partie leiser. Zum Schluss war er verhallt, im Nichts. Zu klar war die Überlegenheit der Koreaner, zu stark das Service, der Angriff und so gesellte sich auch noch so mancher Netzroller und Kantentreffer dazu. Die Asiaten gewannen 3:1 und freuten sich über Edelmetall in dem erstmals ausgetragenen Bewerb. Österreich blieb einmal mehr bei Olympia 2008 der vierte Platz.
„Was soll ich denn sagen“, rang der sichtlich berührte Chen Weixing, 38, nach Worten. Er hatte das entscheidende Spiel gegen seinen SVS-Kollegen Ryu Seung Min 0:3 verloren und ärgerte sich grün und blau. Die Chance, vor „eigenem“ Publikum eine Medaille zu gewinnen, war so groß wie nie, und diesen Traum wollte sich der Austro-Chinese auch unbedingt erfüllen. Nur der auf Verteidigung spezialisierte Chen hatte noch nie gegen Ryu gewonnen, diesmal misslang es erneut. „Das war das erste und letzte Mal“, sagte er mit leerem Blick, „dass wir eine Chance auf eine Medaille hatten.“ Das trifft übrigens nicht nur auf sein Team oder die Einzelbewerbe zu, sondern auch für Österreichs komplettes Olympia-Team, außer bei den Seglern passiert noch eine Trendwende.
Gardos überragend
So sehr sich auch Robert Gardos, der ein hervorragendes Turnier spielte, auch bemühte und damit Gegner und Trainer Ferenc Karsai verwunderte, es half alles nichts gegen Koreas Übermacht an der Platte. Fast jeder Ball kam zurück, mit Drall und Tempo, tückisch und schwer zu schlagen. Nachdem Werner Schlager das Auftaktspiel gegen Oh Sang Eun relativ klar verloren hatte, schien Karsai ohnehin bereits geahnt zu haben, das Österreich mit Blech das Auslangen wird finden müssen. Das verlorene „Schlüsselspiel“, sagt er, habe den Ausschlag gegeben. Schlager, der nach oder wegen seiner Verkühlung lustlos wirkte, habe nie „Distanz und Gefühl“ gefunden und hatte daher auch kein „Rezept“, um gegen den Koreaner zu punkten. Der Gewinn des ersten Satzes war nur ein Geplänkel, dann machte Oh kurzen Prozess mit dem Weltmeister von 2003.
Ob es jemals wieder ein rotweißrotes Team geben wird, das bei Olympia um Edelmetall spielen wird, wollte Ferenc Karsai nicht beantworten. „Wer weiß, ob wir 2012 überhaupt noch im Team spielen“, sagte er und ließ seiner Enttäuschung freien Lauf. Wer eine solche Chance auslässt, hat allen Grund, sich zu ärgern über mentale Fehlschläge seines Aushängeschildes und etwaige Finessen, die bei der Spielplanung und Besetzung übersehen worden waren. Einzig einen Spieler nahm er aus der Kritik: Robert Gardos. Er habe fabelhaft bis phänomenal gespielt und alle Matches gewonnen. Das Problem an der Sache: Im Teambewerb sollten auch die Kollegen punkten...
Robert Gardos eröffnet am Dienstag um 8.30 Uhr MESZ für Österreich das Einzelturnier. Am Tag nach seinem glänzenden Auftritt im Teambewerb muss der 29-Jährige aufgrund seiner nicht ganz so guten Weltranglisten-Platzierung schon in Runde eins antreten, die anderen Österreicher (mit Ausnahme von Werner Schlager) steigen am Mittwoch ins Turnier ein. Chen startet gegen den Spanier Alfredo Carneros oder den Inder Sharath Kamal Achanta. Auch Liu Jia und Li Qiangbing kennen ihre Auftaktgegnerinnen noch nicht.
AUF EINEN BLICK
■Immer wieder China
Auch Chinas Tischtennis-Herren haben das erwartete Olympia-Gold bei der Teambewerb-Premiere erobert. Die Gastgeber feierten im Finale einen 3:0-Triumph über Deutschland. Wang Hao besiegte Ovtcharov 3:0, Ma Lin schaffte gegen Boll einen 3:1-Erfolg, und das chinesische Doppel Wang Liqin/Wang fixierte mit dem 3:1 gegen Boll/Süß den Sieg.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2008)