Wiesen: Der alte Mann sieht das Paradies – im Plusquamperfekt

(c) APA (Herbert P. Oczeret)
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Neil Young spielte als Highlight beim „Lovely-Days“-Festival: ein Hit-Programm voller Nostalgie.

Es war beinahe Vollmond, wenn auch noch nicht Erntemond, als Neil Young spielte, es war in Wiesen, am schönsten aller Festivalplätze, und es war beinahe Mitternacht. Die Rührung stellte sich nicht nur beinahe ein: Sie hing schwer in der Luft. Schwer wie die Akkorde, die er gleich zu Beginn aus seiner zerschundenen Les-Paul-Gitarre schlug, mit beiden Füßen stampfend, als ob er sie zugleich aus der Erde stampfen wollte; die Band, darunter langjährige Weggefährten wie Ben Keith, tat's ihm gleich: Blues aus dem Boden, down to earth.

Da stampfte er also, ließ das dünne Haar fliegen, und dann sang er, mit seiner dünnen, entrückten, greisenhaften Stimme: „Long ago in a book of old“, das waren die ersten Worte, ein paar Zeilen (und sehr viele schwere Gitarrenakkorde) später war von „magic in my heart“ die Rede.

Und darum ging es auch die nächsten zwei Stunden: um die Beschwörung kordialer Magie und der Vergangenheit. Wobei das bei Neil Young natürlich streng zusammenfällt. Jung war er nie, könnte man sagen, doch das wäre vielleicht zu böse, immerhin sang er mit 24 Jahren (oder waren es 27?) einen alten Mann an: „Old man, look at my life: I'm a lot like you were.“ Heute ist Neil Young 62, und er singt diesen Song wieder oder noch immer – wie das genauso dick auftragende „Heart of Gold“, das er als Junger geschrieben hat: „And I'm growing old“, heißt es darin in edler Resignation.

Der alte Mann als junger Mann als alter Mann, ein Längsschnitt des Lebens in wenigen Zeilen: Das ist der Stoff, aus dem Rührung ist. Um die ging und geht es Neil Young, und, wie gesagt, sie stellte sich ein, da konnte man sich noch so wehren. Es gab gute Gründe für Gegenwehr: „Mother Earth (Natural Anthem)“ etwa, ein unfassbar naives (und musikalisch unerträglich schlichtes) Bekenntnis zur Mutter Natur, die, wie es heißt, „diese von Gier regierte Welt füttert“, auf Englisch klingt's noch besser, da reimt es sich auch noch: „Feed this world ruled by greed.“ Kurz danach pries Neil Young das Chrom und den Stahl der (bekanntermaßen umweltfreundlichen) Motorradmarke Harley-Davidson, das klang dann schon etwas glaubwürdiger. Wiewohl mit „unknown legend“ in diesem Song nicht die Maschine gemeint ist, sondern die Blondine, die darauf fährt, auf einem „desert highway“ natürlich.

Auf dem man sicher auch „back to the country“ fahren kann, wozu Neil Young in einem weiteren schwer erträglichen Song aufforderte: Dort, am Land, singt er, habe alles begonnen, und darum müsse man wieder hin. Zurück in den Garten, wie es in Joni Mitchells „Woodstock“ hieß, dem Song, der diese Seelenlage der Hippie-Generation in Merkverse fasste. Neil Young hat wie Mitchell schon als Junger stets zurückgeblickt: Das goldene Zeitalter liegt in seinen Songs immer in der Vergangenheit. Heute, wo er auf diese Rückblicke zurückblickt, liegt es für ihn doppelt in der Vergangenheit. Rock'n'Roll als Kunst des Plusquamperfekts: fast schon zu passend als Highlight eines Popfestivals für die ältere Generation.

Am Ende für alle die Beatles

Ja, mei, so ist halt das Leben, so ist der Rock'n'Roll, „hey, hey, my, my“, wie Young auch nicht zu singen vergaß, in diesem seltsamen Stück aus dem Jahr 1979, in dem er dem Punk auf die Schulter klopfte. Der hat damals nicht zurückgeklopft, heute tut er's vielleicht, zumindest sah man etliche Herren unter dem Wiesner Zeltdach, die damals wohl eher Punks waren als Hippies, lauthals bei „Rockin' In The Free World“ mitgrölen.

Schließlich, als wirklich größter gemeinsamer Nenner, „A Day In The Life“ von den Beatles, treu arrangiert. Kinder, so alt kommen wir nicht mehr zusammen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2008)

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