32 Ghana

Afrika feiert den Mond, nicht die Sonne.
Afrika feiert den Mond, nicht die Sonne.
  • Drucken

Die westafrikanische Sonne ist gelb, die Landschaft metallgrau, die Menschen unruhig.

Meine zweite Sonnenfinsternis erlebte ich 2006 in Ghana. Der Bus, in dem ich durch das Land der Ewe fuhr, blieb irgendwo stehen, als das Spektakel begann. Ich fragte einen Bewohner, wie das Straßendorf hieß. Er antwortete etwas Unverständliches und lachte. Ich bat ihn, den Namen des Ortes in mein Noitzheftchen zu schreiben, er schrieb: „Apriw“.

Mir kam vor, mit „Apriw“ meinte er „Aburi“, denn so hieß ein anderes, größeres Städtchen in der Nähe, das für den einzigen botanischen Garten Ghanas berühmt war. Es konnte ja sein, dass 1) sich die umliegenden Orte zum glanzvollen Aburi zugehörig fühlen, und 2) der Bewohner ein Fast-Analphabet war, und 3) im Dorf alle immer schon „Apriw“ sagten, wenn sie „Aburi“ meinten. Ich befand mich in einer jener Situationen, in denen unklar ist, ob man jetzt alles durchschaut oder einfach nur rassistische Vorurteile pflegt.

Ich hatte ja gedacht, dass ich als Europäer einer der wenigen perfekt ausgerüsteten Spezialisten mit Sonnenfinsternis-Beobachtungsbrille sein würde. Doch schon als die Sonne die erste Delle bekommen hatte, lange vor der Ankunft im Dorf Apriw, war offensichtlich: Die Einheimischen besaßen Finsternisbrillen in Massen. „You come to watch the moon?“, fragte mich eine Frau, und ich nickte. Die Ghanaer maßen offenbar – korrekterweise – dem Mond die höhere Bedeutung zu als der Sonne, war es doch er, der sich zwischen sie und uns schieben würde.

Langsam verfärbte sich die Landschaft, wurde bleich und starr, nahm diesen Metallisé-Ton an. Ein kühler Wind kam auf. Ich tauschte Sonnenfinsternis-Brillen mit meinem Nachbarn aus, in dessen Transistorradio ein aufgeregter Reporter den Mond und die Sonne live kommentierte. Die fremde Brille hatte einen Gelbstich: eine völlig andere Sicht des Spektakels. Mein Nachbar sah durch meine Brille und bilanzierte lachend: „African sun is yellow, European sun is white!“
Wir standen unter dem immer stiller werdenden Himmel und spürten die Unruhe der Menge, die brodelnde Aufregung von Apriw, dem Örtchen, das den Mond feierte. Eine Fledermaus flatterte durch den eisengrauen Himmel. Der große Moment kam unerwartet: Der Mond schob sich vor die Sonne, aber er tat das nicht langsam, sondern ruckartig – als würde etwas einrasten – und plötzlich war es schlagartig dunkel. Es gab Applaus, als hätte sich ein großer Schauspieler verneigt.

Der Cola-Shop am Straßenrand schaltete seine Abendbeleuchtung ein. Das sorgte für Gelächter. Ich bestellte ein Cola, der Mann mit dem Radio auch. Wir prosteten einander zu. Ein LKW raste durch Apriws einzige Straße und hupte wild. Ich hatte mich eben an die Finsternis gewöhnt, da wurde es hell – wie beim Öffnen einer Schiebetür flutete Licht herein. Beifall, Jubelrufe. Ein Junge mit Baseballkappe verneigte sich feierlich vor mir: „Good morning!“ Wir schüttelten einander die Hand, und er sagte mit gro-ßer Befriedigung: „This was the power of God!“

Autor, www.amanshauser.at;
„Alles klappt nie“, Roman,
Deuticke Verlag 2005.


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.